Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Region Intendant der Elbphilharmonie erzählt aus seinem Alltag
Nachrichten Kultur Region

Literarischer Salon: Intendant der Elbphilharmonie erzählt in Hannover aus seinem Alltag

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:20 24.09.2019
„Wir haben bisher 1000 Konzerte gehabt. Es ist doch klar, dass nicht alle davon Sternstunden waren“: Christoph Lieben-Seutter im Gespräch mit Joachim Otte. Quelle: Foto: Jan Richard Heinicke
Hannover

Richtig, es gab da ja die Leidensgeschichte des Baus. 2006 hat Christoph Lieben-Seutter in Hamburg einen Vertrag unterschrieben, der ihn zum Intendanten der Elbphilharmonie bestimmte. Da sollte der Konzertsaal vier Jahre später fertiggestellt sein. Doch dann explodierten Kosten und Probleme, eröffnet wurde schließlich mit siebenjähriger Verzögerung im Januar 2017.

Für den Intendanten war das eine beispiellose Geduldsprobe. „Ich möchte diese Erfahrungen nicht missen“, sagt Lieben-Seutter jetzt als Gast des Literarischen Salons im Conti-Hochhaus: „Aber ich möchte sie auch nicht noch einmal machen.“ Im Übrigen habe er längst „vergessen, was vor der Eröffnung passiert ist“.

Wahrzeichen für Hamburg: Die gläserne Fassade der Elbphilharmonie. Quelle: Christian Charisius/dpa

Tatsächlich scheint sich die Musikwelt durch diese Eröffnung verändert zu haben. Mit dem ersten Ton, der im Großen Saal der Elbphilharmonie erklungen ist, wandelte sich das öffentliche Ärgernis Elbphilharmonie in eine allgemein geliebte Wunderkammer, in der die im Dornröschenschlaf versunkene klassische Musik mit einem Schlag zum Topthema wurde.

Kein Tag ohne Kaufmann

Die Frage, ob die Akustik im neuen Saal nun gut oder schlecht sei, schien plötzlich fast so wichtig wie der Zustand der Nationalmannschaft. Und wie beim Fußball hatte jeder eine Meinung zu dem Thema. Einen Schub bekam die Diskussion zuletzt nach einem Konzert des Startenors Jonas Kaufmann Anfang diesen Jahres: Der Zwischenruf einer Besucherin, die sich mitten in der Aufführung beschwerte, dass sie den Sänger nicht hören könne, erfuhr ungeheuere mediale Aufmerksamkeit. „Seither ist wahrscheinlich kein einziger Tag vergangen, an dem ich nicht über Jonas Kaufmann gesprochen habe“, sagt Lieben-Seutter.

Auch im Salon geht er bereitwillig auf die Frage nach diesem Konzert ein und hat klare Antworten parat. Die Akustik im Saal sei hervorragend, aber gewöhnungsbedürftig. Als Musiker müsse man sich auf sie einlassen und dürfe sich keine Schwächen erlauben. Bei Jonas Kaufmann sei beides nicht der Fall gewesen. Lieben-Seutter verweist darauf, dass der Sänger auch bei anderen Stationen dieser Tournee mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte. „Alles, was in der Elbphilharmonie passiert, ist das normale Konzertleben“, sagt er. Mit dem Unterschied, dass es keine bundesweiten Schlagzeilen macht, wenn eine Handvoll Zuhörer in München ein Konzert vor dem Ende verlassen.

Lebensverändernde Konzerte

Bei anderen Musikern hat der Intendant nach der Aufregung um das Konzert einen Kaufmann-Effekt beobachtet: „Einige haben Sorgen, dass es besonders schwer sei, sich in unserem Saal zu behaupten“, sagt der Intendant. Die russische Sopranistin Anna Netrebko zum Beispiel könne eigentlich mühelos mit der Akustik umgehen. „Bei ihrem letzten Konzert hat sie sich trotzdem die ganze Zeit im Kreis gedreht, um wirklich alle Zuhörer zu erreichen.“

Insgesamt waren seit der Eröffnung mehr als 1000 Konzerte in der Elbphilharmoniezu hören. „Es ist doch klar, dass nicht alle davon Sternstunden waren“, sagt Lieben-Seutter im Gespräch mit Salon-Moderator Joachim Otte. Für ihn selbst erwiesen sich oft gerade solche Abende als die besten, von denen er es vorher nicht erwartet hatte. Als Intendant eines neuen Konzertsaals setzt er ohnehin auf neue Musik aus dem 20. und 21. Jahrhundert. „Solche Werke müssen allerdings supergut aufgeführt werden“, sagt er. Sei das der Fall, könne die vermeintlich ungeliebte zeitgenössische Musik „lebensverändernd“ wirken. Damit das immer wieder gelinge, versuche er, die Elbphilharmonie wie ein gutes Unternehmen zu führen. Allerdings mit einem Unterschied: „Wir wollen nicht den Profit maximieren, sondern die Kunst.“

Lächeln für die Matrosen

Davon profitieren auch viele neue Konzertbesucher, die sich selbst ein Bild von der Elbphilharmonie machen wollen. An Publikum mangelt es auch fast drei Jahre nach der Eröffnung nicht. Trotzdem bemüht sich Lieben-Seutter immer darum, die Besucher zu umwerben. Dazu gehören auch guter Service und die auffällige Matrosenkleidung des Einlasspersonals: „Die kostet ein Vermögen, aber zaubert jedes Mal ein Lächeln auf die Gesichter der Besucher.“

Solche Details unterstützen wohl die wichtigste Wirkung der Elbphilharmonie: Wer sie betritt, ist wie verwandelt. Kein Wunder, dass Lieben-Seutter nach dem Abend im Salon, der mit Rücksicht auf den Bahnfahrplan leicht verkürzt ist, schnell wieder dorthin zurück will.

Von Stefan Arndt

Weil Hannover in einem Defizit-Ranking bei der Kulturhauptstadtbewerbung kaum zum Zuge käme, argumentiert man mit Stärken statt mit Schwächen. Ein Gespräch im Kunstverein mit Ralf Beil, Melanie Botzki und Inga Sami.

24.09.2019

Beim ersten Sinfoniekonzert in der Staatsoper präsentierte sich ein Kandidat für die Nachfolge von Ivan Repusic als Generalmusikdirektor des Hauses. Kevin John Edusei lässt als Organisator und Inspirator allerdings Wünsche offen.

23.09.2019

Die Internationale Musikakademie für Solisten hat Klassikstars wie Igor Levit, Alice Sara Ott und Lars Vogt hervorgebracht. Gastgeber der Meisterkurse ist Alexander zu Schaumburg-Lippe. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass man für Musik kämpfen muss – und will deshalb auch künftig Talente in Bückeburg fördern.

23.09.2019