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00:17 02.03.2019
Juan S. Guse . Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

 Als der junge Schriftsteller Juan S. Guse vor gut einem Jahr für seinen Roman „Lärm und Wälder“ den ersten Literaturpreis der Stadt Hannover in Empfang nahm, sprach er schon über seinen zweiten Roman. Hier sei Handlung und Setting „etwas größer“ angelegt, sagte er damals.

Das war untertrieben. Gegenüber „Miami Punk“, das jetzt erschienen ist, wirkt sein Erstling wie das, was er wohl auch war: eine Fingerübung. „Miami Punk“ ist ein großes Werk. Es erzählt viele Geschichten parallel, nebeneinander, miteinander, ineinander verschränkt, es ist voll tiefer Gedanken und merkwürdiger Erfindungen, es probiert ein paar unterschiedliche Erzählweisen, es schreckt auch vor experimentellen Kapiteln, die etwa seitenlang ohne Wortzwischenräume geschrieben sind, nicht zurück, und es umfasst deutlich mehr als 600 Seiten. Es ist ein Buch zum Staunen: dass der 1989 geborene Schriftsteller so etwas Vielschichtiges, Beziehungsreiches, Kunstvolles zustande gebracht hat, dass er so viel weiß, dass er sich so etwas überhaupt zutraut.

Handlungsort des Romans ist Miami. Die Stadt ist allerdings in einer besonderen Situation: Der Atlantik hat sich zurückgezogen. Die Küste ist so weit entfernt, dass Miami jetzt in einer Wüste liegt. Zweimal täglich kommt eine Formation Wasserflugzeuge angerauscht und lässt es regnen. Dabei fallen auch immer einige Fische vom Himmel. Man erfährt, dass Pilgergruppen in die Wüste aufbrechen, obgleich das streng verboten ist. Dass Leute, die früher Dauerwerbesendungen an Miamis Stränden aufgezeichnet haben, jetzt arbeitslos sind. Dass Ringen ein Sport ist, der wieder sehr gepflegt wird. Dass es Weltmeisterschaften in Computerspielen gibt, die längst außer Mode sind, und dass Dinge, die aus dem Fenster geworfen werden, manchmal noch letzte Gedanken formulieren können.

Man erfährt sehr viel. Und das meiste dient nicht dazu, eine Handlung in Gang zu bringen. Zwar tritt auch eine Ermittlerin auf, aber ein Krimi ist „Miami Punk“ auf keinen Fall. Der Autor strebt klar nach Höherem. Wenn es nicht so unangenehm hochgegriffen wäre, müsste man James Joyce, Franz Kafka und Thomas Pynchon als literarische Referenzfiguren angeben. Irgendwie unangemessen für das Werk eines Jungautors, der gerade sein Studium der Literaturwissenschaft und Soziologie an der Leibniz-Uni in Hannover beendet hat und nun in Soziologie promoviert. Und dazu ist „Miami Punk“ vielleicht auch zu viel Pop, zu viel Oberfläche, zu viel Sound, zu viel Atmosphäre.

Immerhin: Juan S. Guse gelingt es, seine Leser nachhaltig zu verunsichern. Die helle Welt von Miami ist im Grunde sehr dunkel. Der Roman ist voller Andeutungen, immer hat man das Gefühl, dass man etwas, das einem ganz unbekannt ist – eine Firma, eine Mode, ein Spiel –eigentlich doch kennen sollte. Der Autor jongliert mit Expertenwissen, das er als selbstverständlich voraussetzt. Da ist von „Todesschwadronen aus Absplitterungen vom rechten Rand der Ringervereine“ die Rede – und man kennt sich nicht mal mit den Ringervereinen aus. Luftschiffe schweben über der Wüste, aber warum? Eine Triebtäterkolonie wurde aufgelöst –aber mit welchen Folgen? Das Gefühl der Verunsicherung scheint beabsichtigt.

Guses Welt ist unübersichtlich und fremd, und es geschehen merkwürdige Dinge, die – wie das Verschwinden des Ozeans – nicht erklärt werden. Wichtig ist ein Gebäude, das den merkwürdigen Namen Rowdy Yates trägt. Es handelt sich um einen gigantischen Beton-Komplex, für den wohl das Ihme-Zentrum in Hannover Modell gestanden hat. Es ist ein Labyrinth. Aber es wird eher von außen betrachtet.

Zu Beginn des Romans sagt jemand: „Alles ist voller Zeichen“. Wie wahr.

Juan S. Guse: „Miami Punk“. S. Fischer Verlag, 640 Seiten, 26 Euro.

Von Ronald Meyer-Arlt

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