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Literaturhaus: „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann

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14:20 03.10.2019
Die drei Herausgeber einer neuen textkritischen Ausgabe von Thomas Manns Roman "Joseph und seine Brüder": Dieter Borchmeyer (links), Jan Assmann (2. v. l.) und Stephan Stachorski (rechts) diskutieren mit Moderator Hans Wißkirchen (3. v. l.) - im Vordergrund leuchtet ein Mischpult. Quelle: Moritz Frankenberg
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Thomas Manns Originaltext ist bereits mehr als 75 Jahre alt und gilt als eines seiner Hauptwerke – und doch ist sein vierbändiger Roman „Joseph und seine Brüder“ erst seit dem vergangenen Jahr im Original erhältlich. Es kostet die drei Herausgeber der textkritisch editierten Version, die 2018 im Verlag S. Fischer im Rahmen der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“ erschien, eine Weile, auf der Bühne des Literaturhauses zu erklären, welche Idee hinter der erarbeiteten Originalfassung steht. In der Regel lege man die gedruckte Erstausgabe eines Textes als Referenz dafür zugrunde, welche Fassung ein Autor zur Veröffentlichung vorgesehen habe, sagt Thomas-Mann-Experte Stephan Stachorski.

Wenig zuverlässige Erstausgaben

Bei den vier Teilen von „Joseph und seine Brüder“ seien die Erstausgaben jedoch unterschiedlich zuverlässig – geschuldet den Jahren, in denen sie erschienen. Mann begann den Text für den ersten Band 1926. Als er 1933 erschien, hatte sein Autor bereits unter Repressalien des nationalsozialistischen Regimes zu leiden, das er schon drei Jahre zuvor als „eine Riesenwelle exzentrischer Barbarei und primitiv-massendemokratischer Jahrmarktsrohheit“ bezeichnet hatte. Auch der zweite Band konnte im Folgejahr noch bei S. Fischer in Berlin verlegt werden. Als der dritte Band 1936 in Wien erschien, hatten sowohl der Autor als auch sein Verleger Deutschland bereits verlassen.

Der vierte und letzte Band des Romans entstand vor allem in den USA. Nicht zuletzt gilt Manns monumentale Nacherzählung der biblischen Geschichte um Joseph in Ägypten auch als literarische Verarbeitung seiner Exilerfahrungen. Als die Erstausgabe im Jahr 1943 erschien, hatte sie turbulente Übertragungsprozesse hinter sich: Mann notierte sie handschriftlich und ließ das Typoskript von Konrad Katzenellenbogen anfertigen, einem Freund seines Sohnes Klaus. Der nahm sich, so Stachorski, dabei bereits Freiheiten: „Er wollte wohl zu viel.“ So kürzte der Sekretär Sätze, die ihm zu lang erschienen, ließ Attribute aus, vertauschte und ersetzte – wohl auch der Handschrift Manns geschuldet – Begriffe.

Buchsetzer mit eingeschränktem Wortschatz

Aufgrund dieser Textversion wurde dann in Stockholm, wohin der S. Fischer Verlag inzwischen verlegt worden war, gedruckt. Die Buchsetzer dort, so Stachorski, verfügten nur über einen eingeschränkten deutschen Wortschatz, so dass weitere Textelemente verloren gingen oder in guter Absicht verändert wurden, weil sie falsch erschienen. Die Herausgeber der kommentierten Ausgabe leisteten also über 15 Jahre lang akribische Detektivarbeit, verglichen Versionen und Manuskripte, wägten ab, welche im Sinne Manns gewesen wären und welche nicht. Auf dem Podium sind sich alle einig: „Der vierte Teil ist ein ganz neues Buch geworden, das hat so zuvor noch keiner gelesen.“

Wie wichtig es war, für diese Arbeit und auch all die umfangreichen Erläuterungen und Kontextualisierungen der Ausgabe mit einem interdisziplinären Expertenteam zu arbeiten, betont der Literatur- und Theaterwissenschaftler Dieter Borchmeyer: „Ich hätte das Projekt niemals ohne einen Ägyptologen begonnen.“ Seine Wahl fiel auf Jan Assmann, mit dem er bereits zusammengearbeitet hatte. Auf dem Podium deutet sich unterhaltsam an, wie produktiv die gemeinsamen Auseinandersetzungen über Manns Quellenlage, seine religionsphilosophischen Ansichten und seine Liebe zur Geschichte Ägyptens sind.

„Niemand weiß so viel wie meine Podiumsgäste“

Moderator Hans Wißkirchen, Präsident der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, ist sich sicher: „Es gibt weltweit keinen anderen, der so viel über „Joseph und seine Brüder“ weiß, wie meine drei Podiumsgäste.“ Seine Gesellschaft wird gemeinsam mit dem Literaturhaus in loser Folge weitere Veranstaltungen zu Thomas Mann anbieten. Der Auftakt zu dieser Reihe demonstrierte bereits eindrucksvoll, wie viel Spaß ein genauer Blick auf Details der Literaturgeschichte zu machen vermag.

Am Donnerstag, 10. Oktober, um 19.30 Uhr liest im Literaturhaus Deniz Utlu, der im November den mit 10.000 Euro dotierten Literaturpreis der Landeshauptstadt Hannover erhält.

Von Thomas Kaestle

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