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11:49 01.05.2019
Der Schriftsteller Volker Braun. Quelle: Arno Burgi, dpa
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Hannover

Als er sich im Jahr 2000 für den Büchner-Preis bedankte, sagte Volker Braun einen für ihn folgenreichen Satz: „Gelingen ist Scheitern.“ Bei seiner Lesung im Literaturhaus hält er sein gerade bei Suhrkamp erschienenes Buch „Verlagerung des geheimen Punkts“ mit gesammelten Reden, Vor- und Nachworten, unveröffentlichten und in der DDR verbotenen Texten hoch und seufzt: „Und ausgerechnet dieser Satz steht da jetzt hinten drauf.“ Ganz geheuer ist es ihm nicht, immer wieder auf seine Auseinandersetzung mit dem Scheitern festgelegt zu werden. So wie er sich auch selbst ungern festlegt: „Das Schlimmste was einem Autor passieren kann, ist Selbstgewissheit.“

„Sehr lebendiger Klassiker“

Wenn Volker Braun am 8. Mai seinen 80. Geburtstag feiert, kann er auf etwa 40 Buchveröffentlichungen zurückblicken, neben seiner Tätigkeiten als Dramaturg am Berliner Ensemble und Deutschen Theater. Moderator und Literaturkritiker Michael Braun bezeichnet ihn in seiner herzlichen Vorstellung als „sehr lebendigen Klassiker der Gegenwartsliteratur“. Und tatsächlich macht es ihm sein Gast im besten Sinne nicht einfach. Nichts erscheint selbstverständlich für den offenen Blick Brauns, der gleich zwei neue Bücher vorstellt, die Vergangenes zusammenbringen.

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Zeitgleich mit dem umfangreichen „Verlagerung des geheimen Punkts“ ist, ebenfalls bei Suhrkamp, ein schmaler Band mit dem Titel „Handstreiche“ erschienen, eine Sammlung kürzester Textformen. Sein Impuls, so Braun, sei nach all der Zeit gewesen: „Man müsste ein paar Dinge zusammenstellen, um sich auszuweisen.“ Also habe er Versatzstücke gesammelt. Er bleibt dabei beiläufig: „Das ist ein Beifang, das kann man auch wieder ins Wasser werfen.“ Dennoch lassen sich viele Sätze aus „Handstreiche“ auch als Selbstbeschreibungen lesen. Wie dieser: „Wer schreibt, handelt – das kann ich nicht verharmlosen.“ Beim Hören und Lesen konstruieren sich immer neue Zusammenhänge im Puzzle aus Zeiten, Bezügen, Werken und Ideen.

Um konkretere Beobachtungen aus Politik und Gesellschaft der vergangenen 50 Jahre geht es in „Verlagerung des geheimen Punkts“. Braun ist kritischer Zeitzeuge der deutschen Teilung und des gescheiterten Versuchs einer anderen Gesellschaftsform. Er porträtiert in einigen der zusammengetragenen Texte auch Weggefährten und Zeitgenossen. Christa Wolf habe ihn im Jahr 1980 gefragt: „Erwartest du dir noch etwas von dieser Gesellschaft?“ 20 Jahre später habe sie die Frage erneut gestellt.

Sinn maximieren

Heute seien diese Fragen zu Recht für eine neue Generation akut, so Braun: „Wir handeln anders als wir wissen.“ Die Fragen nach Alternativen, die viele Schüler jetzt stellen, seien wesentlich, Kultur entwickle sich nur in der Auseinandersetzung. Letztlich gehe es darum, nicht den Gewinn zu maximieren, sondern den Sinn. Eine der Miniaturen aus „Handstreiche“ beschreibt Brauns Grundhaltung wohl ganz gut: „Geh ruhigen Blutes die Sache an und sieh dann, ob dein Herz schlägt.“

Am Donnerstag, 9. Mai, um 19.30 Uhr liest Kenah Cusanit im Literaturhaus aus ihrem Romandebüt „Babel“.

Von Thomas Kaestle