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Lyrikfest im Literaturhaus Hannover: Komische Gedichte mit Dagmara Kraus, Matthias Politycki und Christian Maintz

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21:02 28.06.2019
Weit gereist: Matthias Politycki. Quelle: Politycki & Partner
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Hannover

Was genau komische Lyrik ist, da sind sich im Literaturhaus weder die Moderatoren Michael Braun und Martin Rector noch die Gäste Dagmara Kraus, Matthias Politycki und Christian Maintz sicher. Die präziseste Arbeitshypothese des Abends dazu stellt jedenfalls Maintz auf: „Komik ist eine andere Optik auf die Welt“, sagt der mehrfach mit dem Wilhelm-Busch-Preis ausgezeichnete Lyriker und Medienwissenschaftler.

Es darf gelacht werden im Literaturhaus

Fest steht: Es darf gelacht werden beim „Lyrikfest Gegenstrophen“, zu dem zeitgleich auch eine passende Publikation erschienen ist. Allein, dass Lachen fällt manchmal nicht leicht: Der dickste Brocken kommt gleich zu Beginn. Die Lyrikerin Dagmara Kraus schreibt Gedichte auf deutsch, polnisch, französisch, in der Kunstsprache „Langue bleue“ und noch ein paar anderen – gerne auch in einem Text. Lyrik stellt sich hier weniger durch den Inhalt her, den die wenigsten auf Anhieb und ohne Lexikon komplett erfassen würden, sondern durch den Sound der Worte. Kraus’ Lyrik wirkt dabei, auch durch die Vortragsweise, zunächst eher zart, entpuppt sich dann aber als solide in der Vielsprachigkeit verankerte, seinen eigenen Inhalt auflösende Maschinerie einer versessen präzisen Sprach-, Sound- und Grammatikspielerin.

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Das Gegenstück dazu bildet die Lyrik des weit gereisten und feuilletonbekannten Autors Matthias Politycki, die, anders als seine teils experimentellen oder wenigstens anspruchsvollen Romane, oft kurze, klare Szenen umreißen. Szenenlacher gibt es für „Adiletten-Männer“ – aber auch Polityckis sonstige Lyrik, die, wie „Ratschlag zum Verzehr der Seidenraupe“ einmal quer durch die Welt führt, vom Hamburg bis Tadschikistan. Und erstaunlich oft vom Essen handelt: „Mich haben Imbissbuden schon immer beschäftigt“, lässt der Autor verlauten.

In der Tradition von Busch und Gernhardt

Dritter im Bunde ist dann Christian Maintz, dessen meist gereimte, erzählende Stücke wie die Schauerballade „Die Vampirin“ oder die tragikomische „Spatzenmoritat“ in einer Traditionslinie mit Wilhelm Busch, Joachim Ringelnatz oder Robert Gernhardt stehen. „Der Spaß stand lange unter Strafe in der deutschen Literatur“ lässt er das Publikum noch wissen.

Ergänzt wird das Lyrik-Trio durch das Gitarrenduo Ulf Mummert und Michael Schröder, die mit „Weird – Wired“ und „Minus Z“ zwei Stücke neuer Musik zeigen, einmal akustisch und einmal mit elektrischen Gitarren und dabei mit allerlei Gerätschaften wie Styropor-Halbkugeln und elektrischen Zahnbürsten ihre Instrumente malträtieren. Das Ergebnis – obwohl komplex komponiert – klingt wie der Soundtrack eines Horrorfilms, der in einer Kupferdrahtrecyclingfabrik spielt – einmal davon allerdings im Weltall. Immerhin: Wenn die Noten vorsehen, dass die beiden sich ihre Styropor-Halbkugeln an den Kopf kloppen, wird im Publikum geschmunzelt.

Auch wenn also niemand so ganz genau weiß, was Komik ist, weder am Anfang des Abends im Literaturhaus noch am Ende: Lustig ist’s stellenweise allemal.

Von Jan Fischer