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Region Kunstblutparty in Hildesheim: Warum das M’era Luna Festival ein Problem hat
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M’era Luna Festival: Kunstblutparty in Hildesheim

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12:30 11.08.2019
Hörner sind beliebt beim M’era Luna Festival auf dem Flugplatz Hildesheim. Quelle: Foto: Moritz Frankenberg/dpa
Hildesheim

Dem M’era Luna geht es eigentlich gut. Wie in den vergangenen Jahren auch ist das Festival auf dem Flugplatz in Hildesheim mit mehr als 25.000 Besuchern ausverkauft. Die Lust der Gäste an Trink- und sonstigen Hörnern, an Mascara, Korsagen, Gasmasken, Lack, Leder und sonstigem opulenten Ornat ist ungebrochen. Man trifft sich wie jedes Jahr im halbironischen Spiel mit Identität und Eigenartigkeit. Nur: Zwischen Schmink-, Schmuck- und Haarworkshops, zwischen Modenschauen und Marktplatz findet auch Musik statt.

Und da wird es schwierig. Wo in den letzten Jahren Bands wie KoRn, Ministry oder The Prodigy verpflichtet werden konnten, deren Strahlkraft weit über die schwarze Szene hinausgeht, fehlt in diesem Jahr ein solcher Headliner – Szenegrößen wie ASP, Within Temptation und Fields of the Nephilim sollen’s richten. Mit dem Line-Up richtet das diesjährige M’era Luna den Blick eher auf die Szene selbst – nicht, wie in den vergangenen Jahren, auch ein wenig nach außen.

Der Nachwuchs ist überschaubar

Dazu kommt, dass das Festival notorisch mit den immer gleichen Bands arbeitet. Teilweise auf Publikumswunsch. Teilweise aber auch, weil es anders nicht geht. „Der Nachwuchs an Bands ist überschaubar“, sagt Booker Stephan Thanscheidt im festivaleigenen Radiosender „M’era Luna FM“. Am Sonnabend darf sich so Corvus Corax durchs Mittelalter holzen, mit Lacrimosa stöhnt Tilo Wolff ein Symphonic-Metal-Pathosbrett, Mono Inc liefert etwas, zu dem das Publikum sich bewegt, Stahlmann und Ewigheim rollen das „R“ in einer Panade aus brachialen Gitarrenriffs umher, Sono, Empathy Test und Neuroticfish verlieren sich in dunkelbuntem Synthie-Pop. Wobei Neuroticfish klingt, als sei DJ Bobo über irgendetwas sehr besorgt.

M’era Luna 2019

Eindrucksvolle Kunstblut-Orgie

Selbstverständlich gibt es auch Lichtblicke: Null Positiv eröffnet das Festival mit der guttural growlenden Ellie Berlin als stachelbewehrter Sängerin. Die Band mit dem unsäglichen Namen Terrolokaust kombiniert Electronica und Metalgitarren zu energischen Kugelblitz-Songs während Sänger Javi Ssagittar sich dazu, angetan in einem Lederjäckchen, auf dem „Nihilist“ steht, den Schweiß vom Körper schüttelt. Deathstars legt elegantes Screaming und bretternde Riffs in der schwarz wogenden Menge ab. Agonoize zelebrieren inmitten ihres Wumms-Industrial eine eindrucksvolle Kunstblut-Orgie. Oomph! liefert ein gelungenes Partyset.

Und dann eben die Headliner des Sonnabends: ASP verliert sich leider im wabernden Kostüm- und Facepaint-Gothic, der zwar Geschichten erzählen will und auch ein wenig literarisch sein, aber am Ende trotz Pyro nicht zündet und eher schleppendes retardierendes Moment ohne Auflösung ist als Höhepunkt.

Within Temptation dagegen fährt eine Kulisse auf, die Felsen darstellen soll, dahinter eine Videoleinwand mit Wald-und Wüstenstimmungsbildern. Und obwohl diese spezielle Spielart des Symphonic Metal nun auch schon etwas angejahrt ist, hält sich das zuckrige Keyboardstreicherbett angenehm zurück, ist Sängerin Sharon Janny den Adel gut bei Stimme, legt das dichte Set also durchaus Feuer vor die Bühne.

Ein eher schwacher Jahrgang

Trotz vereinzelter Höhepunkte setzt das M’era Luna 2019 dennoch in einem eher schwachen Jahrgang einen Trend fort: Ein äußerst konventionell, man möchte fast sagen: Konservativ gebuchtes Line-Up, dem mutige Entscheidungen und Überraschungen fehlen. Oder wenigstens ein Headliner, der sich gegen das Szene-Einheitsdunkel abhebt. Schade – denn die schwarze Szene hätte trotz fehlendem Nachwuchs mehr zu bieten.

Das Publikum allerdings lässt sich vom schwachen Jahrgang an nichts hindern. Man kennt sich, hat die Haare schön und die gute Horrorshow-Klamotte angezogen. Wäre ja Verschwendung, nicht zu feiern wenn man schonmal jemand anders ist.

Und so war das Festival im vergangenen Jahr.

Von Jan Fischer

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