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Region Paul Abrahams „Märchen im Grand Hotel“ wirbelt die Staatsoper auf
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"Märchen im Grand Hotel" von Paul Abraham mit Regisseur Stefan Huber an der Staatsoper Hannover

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17:27 17.11.2019
Gute Beinarbeit: „Märchen im Grand Hotel“ an der Staatsoper Hannover. Quelle: Manuel Zschunke
Hannover

Die Zutaten sind bekannt und nicht nur im Operettenfundus leicht zu finden. Ein junger Firmenerbe, der sich inkognito im väterlichen Betrieb bewähren muss. Eine stolze, aber entmachtete Thronerbin, die sich ihren Hochmut eigentlich nicht mehr leisten kann. Eine nicht standesgemäße Liebe, die geradewegs ins Land des Nicht-mehr-Lächelns zu führen scheint. Und am Ende natürlich doch ein Happy End – schließlich verspricht die Staatsoper Hannover ein „Märchen im Grand Hotel“. Dessen turbulent gutes Ende beklatscht das Premierenpublikum dann auch schwungvoll.

Schwung, Swing und Stepptanz

Für den Schwung und den Swing und den Stepptanz sorgt die Rahmenhandlung, die sich Paul Abraham und seine gewitzten Textautoren Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda ausgedacht haben: In Hollywood ist Filmmogul Mackintosh auf der Suche nach einem Stoff für den nächsten Filmhit. Sein cleveres Töchterlein Marylou, die sich und es ihm beweisen will, findet das Sujet ausgerechnet in einem Grand Hotel an der Riviera. Nun muss sie nur noch die Hotelgäste überzeugen, auch ihre Filmhelden zu werden.

Konzentrierter Wortwitz

Als „Lustspieloperette“ hat Paul Abraham 1934 diese Geschichte in Wien erfolgreich vorgestellt, also dürfen seine Textdichter ihren Wortwitz ausspielen. Die hannoversche Inszenierung von Stefan Huber hat den Spaß offenbar leicht konzentriert und spielt mit dem raffinierten Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter die Scheinwelt eines Grand Hotels aus, in dem jeder sein darf, was er will, solange er die Zeche bezahlen kann. Die Drehbühne dreht sich fortwährend und führt drei Spielpodien vor, auf denen wiederum Drehtüren für Durchzug sorgen.

Vorspiel in Hollywood: Szene aus „Märchen im Grand Hotel“ an der Staatsoper Hannover. Quelle: Ralf Mohr

Doch das ist noch nicht genug an Bewegung, denn Choreografin Andrae Danae Kingston macht dem Ensemble Beine: Was vor allem Valentina Inzko Fink als clevere Kapitalistin Marylou Mackintosh und Alexander von Hugo als verliebter Kellnerlehrling Albert an steppender Fußarbeit leisten, ist sehenswert. Und die dankbarsten Songs haben sie ja auch noch: sie mit der „Money“-Huldigung, er mit seiner schmachtenden Beschwörung der Überzeugungskraft einer Rose. Ausgerechnet der Titelsong dieser Operette kann da nicht ganz mithalten, obwohl Mercedes Arcuri viel Sehnsucht und Wehmut einbringt. Abraham nimmt zwar Anlauf zur starken Melodie, aber zum großen Wurf oder zumindest zum kleinen Ohrwurm reicht es dann doch nicht. Meist aber geht die Musik schnell ins Ohr und erst recht in die Beine.

Operettenglanz aus zweiter Hand

Das Staatsorchester unter der agilen Anleitung von Carlos Vázquez spielt die von Kai Tietje arrangierte Musik mit der rechten Mischung von Schlagerattitüde, jazziger Akzentsetzung und Operettenglanz aus zweiter Hand. Abraham war nicht umsonst um 1930 in Berlin so erfolgreich, ehe er vor den Nazis erst nach Wien und letztlich nach Amerika fliehen musste. Er spürte den Zeitgeist, auch den der Verdrängung des Ernstes der Lage. Erst seit ein paar Jahren erinnert man sich hier an ihn: Sein „Märchen im Grand Hotel“ wurde vor zwei Jahren vom lustvollen Operetten-Exhumierer Barrie Kosky in Berlin ausgegraben, in Mainz nachgespielt und ist demnächst auch in Hamburg zu erleben.

Mit Spaß bei der Sache: Szene aus „Märchen im Grand Hotel“ an der Staatsoper Hannover. Quelle: Ralf Mohr

Es ist eine Herausforderung für jedes Ensemble, das hier seine Agilität zeigen kann – und muss. Das hannoversche Team glänzt bis in die kleinsten Rollen – und das liegt nicht nur an den effektvollen Kostümen von Heike Seidler. Eine Carmen Fuggiss als gräfliche Edelzofe zu verkleiden grenzt an Ressourcenverschwendung, doch mit sicht- und hörbarem Spaß sind alle bei der Sache.

Genascht wird gern

Dreh- und Angelpunkt ist Mercedes Arcuri als stimmsouveräne und dezent divenhafte Infantin Isabella. Alexander von Hugo als Nachwuchskellner Albert schwärmt sie verständlicherweise und stimmungsvoll an, Philipp Kapellers Prinz Andreas zitiert allen benötigten Schmäh aus der Wiener Requisitenkammer, und Frank Schneiders ist ein soignierter Grand-Hotel-Besitzer, dessen Personal nicht nur in Viererformation auf den Beinen ist.

Pralle Töne aus Hollywood: „Märchen im Grand Hotel“ an der Staatsoper Hannover. Quelle: Kerstin Schomburg

Pralle Töne kommen aus Hollywood, wo die Filmtruppe um Valentina Inzko Fink und Ansgar Schäfer als Boss Mackintosh dafür sorgt, dass hochprozentiger Whiskey allzu viel Dreiviertel-Schlagsahne bekömmlicher macht. Hannovers aktuelles Staatsopern-„Märchen“ ist wie eine Bonbonniere mit gelegentlich Hochprozentigem. Der Nährwert mag überschaubar sein, genascht wird es gern.

Nächste Vorstellungen sind am 19., 23. und 27. November sowie am 6., 7., 23., 29. und 31. Dezember.

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