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Mario Adorf bekommt Europa-Preis beim Filmfest Braunschweig

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18:25 24.11.2019
„Den Ehrgeiz, einen Oscar zu gewinnen, sollte man in Deutschland nicht zu wichtig nehmen“: Mario Adorf beim Filmfest Braunschweig. Quelle: Patrick Slesiona/Filmfestival
Braunschweig

Ach ja, Auszeichnungen, Ehrungen, Preise. Dem Schauspieler Mario Adorf, 89 Jahre alt, nötigt all das ein gelassenes Schulterzucken ab. „Ich war nie jemand, der Fanaufläufe verursacht hat“, sagt er bei seinem Auftritt beim 33. Internationalen Filmfestival in Braunschweig und meint damit: Er hat allen Kult um seine Person immer nach Kräften gemieden. Der Mann, der mehr als ein halbes Jahrhundert das europäische Kino geprägt hat, der in unzähligen, meist hochkarätigen Theater- und Fernsehproduktionen gespielt hat, begreift sich selbst nicht als Star. „Ich habe meinen Beruf immer als Handwerk gesehen“, sagt er.

Das Braunschweiger Filmfestival ehrt diesen Handwerker nun mit dem Hauptpreis. „Europa“ hat man die Auszeichnung in Braunschweig getauft. Das hat Adorf, dem Europäer, sehr gefallen. Und am Ende seines öffentlichen Gesprächs mit dem Filmkritiker Daniel Kothenschulte macht er auch klar, dass sich die Reise nach Niedersachsen für ihn gelohnt hat. „Ich habe die ausführliche Würdigung sehr genossen“, bedankt sich Adorf. Kothenschulte hatte auch viele Szenen aus alten Filmen mit Adorf gezeigt, die der Schauspieler sehr lange nicht mehr gesehen hat. „Das war ein Geschenk für mich“, sagt er.

Der Oscar und die Zigaretten

Zu erleben war unter anderem ein Ausschnitt aus Adorfs ersten großer Erfolg „Nachts, wenn der Teufel kam“ von 1957. Gleich mit diesem Film von Regisseur Robert Siodmak erregte der junge Schauspieler internationale Aufmerksamkeit. Die Geschichte über einen Frauenmörder wurde sogar für den Oscar nominiert – Adorf erfuhr davon allerdings erst drei Monate nach der Verleihung, bei der der Film leer ausging. Ein Preis eben.

Fast 20 Jahre später, als „Die Blechtrommel“ tatsächlich einen Oscar gewann, war Adorf immerhin bei der Gala in Los Angeles dabei. „Als der Preis für den besten ausländischen Film angekündigt wurde, gingen die Leute im Saal raus, um eine Zigarette zu rauchen“, erinnert er sich. „Den Ehrgeiz, einen Oscar zu gewinnen, sollte man in Deutschland nicht zu wichtig nehmen“, lautet sein Fazit.

Ein deutscher Italiener

Adorfs eigener Ehrgeiz richtete sich auf andere Ziele. Nach den frühen Erfolgen in Deutschland zog es den Schauspieler nach Rom, in den Nachkriegsjahren ein Zentrum des internationalen Films. Trotz seines italienischen Vaters waren ihm das Land und vor allem die Sprache fremd. „In den ersten Filmen musste ich noch synchronisiert werden“, erzählt er – und von seinem Bestreben, die Sprache so gut zu lernen, dass er sie ohne Akzent sprach. Das ist ihm zwar gelungen, seinen eigenen Anspruch aber konnte er nicht erfüllen. „Je mehr ich versuchte, ein Italiener zu sein, desto mehr merkte ich, wie deutsch ich war.“

Der eigene Anspruch hat Adorf auch öfter dazu bewegt, die sichere Erfolgsspur zu verlassen: „Ich war kein großer Fan von Italowestern“, sagt er, um zu erklären, warum er so viele Rollen aus diesem Genre abgelehnt habe. Und auch die Mafia-Filme, in denen er reüssierte, waren ihm, dem Muskelprotz unter den Feingeistern, eigentlich zu brutal. „Ich wollte kein italienischer Charles Bronson werden“, sagt er. Und die Muskeln habe er eben von der Arbeit am Bau, mit der er sein Studium finanziert habe.

Happy End mit Winnetou

In Deutschland drehte er mit Schlöndorff, Fassbinder und später Helmut Dietl, aber eben auch jenen Film, der ihn für Jahre zu einer Hassfigur im Land machte: Als Bösewicht in „Winnetou“ erschloss er die Schwester des Indianerhäuptlings. Mit Pierre Brice, dem Winnetou-Darsteller, sei er während der Dreharbeiten kaum in Kontakt gekommen. Doch Jahre später sei der Franzose sein Nachbar in Rom und einer seiner engsten Freunde geworden, sagt Adorf. So findet sogar dieses düstere Kapitel der bundesdeutschen Filmgeschichte in Braunschweig ein Happy End.

Das Filmfestival Braunschweig

Bei der 33. Ausgabe des Internationalen Filmfestivals Braunschweig wurde Mario Adorf für seine herausragenden darstellerischen Leistungen und Verdienste um die europäische Filmkultur mit dem Hauptpreis geehrt. Die Auszeichnung „Die Europa“ ist mit 20 000 Euro dotiert. Der „Weiße Löwe“, der Lebenswerkpreis des Festivals für einen Filmkomponisten, ging an Helmut Zerlett. Beim Festival, das am Sonntag zu Ende gegangen ist, wurden an sechs Tagen 290 Filme gezeigt.

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