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Region Kapelle Petra kann auch ernsthaft, wenn sie will
Nachrichten Kultur Region Kapelle Petra kann auch ernsthaft, wenn sie will
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00:15 17.04.2019
Kapelle Petra im Musikzentrum. Quelle: Nancy Heusel
Hannover

So ganz können sie es nicht lassen: Guido Scholz und Rainer Siepmann tragen auf der Bühne des Musikzentrum Onesies, diese plüschigen Overalls. Scholz am Bass in Grau, Siepmann an der Gitarre in Grün. „Das hier anzuziehen“, wird Scholz später im Konzert sagen, während er sich den Schweiß von der Stirn wischt, „war ‘ne Scheißidee.“

Bilder vom Konzert im Musikzentrum

Die Kapelle Petra war immer eher so etwas wie der Klassenclown der Hamburger Schule, sie waren diejenigen, die zwischen der Post-Meta-Kritik von Tocotronic, der Schwermut von Kettcar, den 52 Ironieebenen des PeterLicht auch mal unpassende Furzgeräusche in die nachdenkliche Stille knattern lassen und lachen.

„Die Jugend heutzutage“

Das Set eröffnet die Truppe mit „Die Jugend heutzutage“, einem Lied vom aktuellen Album „Nackt“, das eher ein wenig nachdenklich daherkommt, gefolgt vom „Protestlied“, das auch nicht unbedingt der lustigste Partykracher ist. Spätestens beim dritten Song „Curly Sue ist doch kein Name für ein Kind aus Gelsenkirchen“ sind Publikum und Band aber auf einer Wellenlänge, selbst Gazelle, der – ein Kapelle-Petra-Running-Gang - als Bühnenskulptur meist einfach nur dasitzt, wippt zufrieden mit einem Fuß. Was offenbar nicht immer so war. „1999 war unser erster Auftritt in Hannover“, erinnert sich Scholz, „hatten wir im Frosch. Das war einer der schlimmsten Auftritte, die wir je hatten.“

Auch wenn Kapelle Petra nicht ganz in den Umkreis der Hamburger Schule passt – die Truppe ist derselben Zeit Anfang des Jahrtausends entsprungen, als mit Tocotronic vorneweg eine Armada deutschsprachiger Indie-Rock-Bands durch die Charts schipperte. Viele diese Bands zehren nach wie vor von diesen fetten Jahren und haben – sofern es sie noch gibt – sich in den letzten Jahren neu positioniert und altersweise Werke herausgebracht. Tocotronic mit „Die Unendlichkeit“ , Kettcar mit dem Soundtrack zur Flüchtlingskrise „Sommer ‘89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“, PeterLicht mit „Wenn wir alle anders sind“. Kapelle Petra hat auf dem Konzert im Musikzentrum viele Lieder von „Nackt“ mit dabei, und auch, wenn alterweise nicht ganz die Art der Truppe ist, ist es doch ein gereiftes Album, minimalistischer Indie-Rock, der den gröbsten Quatsch auf ein Minimum reduziert.

Dennoch muss der Quatsch auf dem Konzert natürlich sein – das Publikum hat Luftballons, Konfetti und Seifenblasen dabei und auch keine Angst, all das einzusetzen. Bei „Pogo in den Sonnenuntergang“, „Abstinenz“ und vor allem bei „Geburtstag“, zu dem nicht nur ein altes Casio-Keyboard auf die Bühne gerollt wird und ein Fan auf die Bühne darf, sondern das auch ein Live-Hosenschlitzsolo sowie Scherenpercussion enthält, kommen auch alle Partywilligen auf ihre Kosten. „Sehr schön, dass wir das in unserem gesetzten Alter von 22 Jahren noch machen dürften“, meint Scholz einmal beschwingt.

Solider Indie-Rock

So zeigt Kapelle Petra im Musikzentrum eine kleine Gratwanderung zwischen eher lustigem altem und eher etwas gesetzterem neuem Material, das allerdings noch nicht so ganz weiß, wo genau es hin will. Beides ist in soliden, wenn auch nicht herausragenden Indie-Rock gegossen, der von Zeit zu Zeit mit eingespielten Streichern oder Klavier unterstützt wird. Und von tanzendem Publikum, deren Luftballons, Konfetti und Seifenblasen durch den Saal flirren sowieso.

Von Jan Fischer

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