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Region „Mutter Courage“ hat Premiere am Theater für Niedersachsen
Nachrichten Kultur Region „Mutter Courage“ hat Premiere am Theater für Niedersachsen
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01:15 20.02.2019
Drehen statt ziehen – der Planwagen der „Mutter Courage“ mit Simone Mende, Dennis Habermehl, Szilvia Csaranko (vorn, von links), Lilli Meinhardt und Tonio Schneider (hinten, von links). Quelle: Foto: Jochen Quast
Hildesheim

„Manchmal“, sagt die Courage, als, ganz am Ende, ihre Lage vollends verzweifelt ist, „sehe ich mich schon durch die Höll‘ fahren mit meinem Planwagen – und Pech verkaufen.“ Wie bei diesen Worten ist „Mutter Courage“ auch sonst voll von Sprachwitz und Gedankenblitzen. Bertolt Brecht legt sie vor allem der Titelfigur in den Mund, die, den eigenen Einsichten zum Trotz, aus Schaden nicht klug wird, die aus schlechten Erfahrungen nicht zu besserem Handeln gelangt.

Das Stück hatte seine Deutschlandpremiere 1949 als erste große Regiearbeit Brechts am Deutschen Theater Berlin. 70 Jahre danach lässt sich jetzt am Theater für Niedersachsen (TfN) erleben, dass es nichts an Aktualität eingebüßt hat. Schließlich gibt es Kriege und (nicht zuletzt: deutsche) Geschäfte damit auch heute. Diese Geschäfte treibt die Courage in der Zuversicht, dass „der Krieg seine Leute nährt“ – und in der Hoffnung, ihre Kinder aus dem Krieg heraushalten zu können.

Dass dies eine Illusion ist, dass „Mutter Courage und ihre Kinder“ auf eine Mutter ohne Kinder hinausläuft, stellt die TfN-Inszenierung gleich klar: Schon in der ersten Szene lässt sich der älteste Sohn (in dieser und weiteren Rollen: Dennis Habermehl) gegen den Willen der Courage als Rekrut anwerben, „weil es sich rechnet“. Auch den zweiten Sohn (Tonio Schneider, der teils geradezu akrobatisch auftritt) und die Tochter (Lilli Meinhardt, die die stumme Figur körpersprachlich einfühlsam und beeindruckend spielt) opfert die Mutter dem Kriegsgewinn. „Die wo den Krieg anzetteln, kehren das Unterste zuoberst im Menschen“, sagt der Feldprediger, den Moritz Nikolaus Koch von Anfang an als bebenden Kriegszitterer gibt. Und Szilvia Csaranko, die die Musik Paul Dessaus für Akkordeon und Gitarre arrangiert hat, spielt als Gevatter Tod mit einer Strichliste der Opfer auf schwarzer Kutte auf. Kein Wunder, dass auch Simone Mendes Courage da nichts als Mitleid hervorruft.

Beachtliche schauspielerische Leistungen also, doch zugleich eine vollends ins Unepische verfremdete Version von Brechts Epischem Theater (Regie: Lydia Bunk).

Vielleicht ist es ja symptomatisch, dass bei dieser Inszenierung der Planwagen nicht rollt, sondern auf einem Drehbühnenaufbau rotiert. Diese Courage zieht kein Joch, sie wird gedreht, sie ist nicht (Kriegsgeschäfts-)Treibende, sondern nur Getriebene. Eine Opferfigur, in die sich wunderbar einfühlen kann, wer auch gegen Krieg ist. Dass diese Rechnung aufgeht, demonstriert bei der Premiere der begeisterte Applaus. Dass Brecht seine Courage gerade als Kippfigur angelegt hat – die nicht einfach bemitleidet wird, weil sie eben auch schauerlich berechnend ist – das fällt hier hinten runter.

Wieder in Hildesheim am 27. Februar, 19.30 Uhr. Weitere Termine in Nienburg am 20., in Garbsen am 23. und in Wunstorf am 26. Februar. Details unter www.tfn-online.de/spielplan/schauspiel/mutter-courage/.

Von Daniel Alexander Schacht

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