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NDR Klassik Open Air: „Bajazzo“ und „Cavalleria rusticana“ begeistern im Maschpark

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09:17 12.07.2019
Singing in the Rain: Szene aus „Cavalleria rusticana“ mit Veta Pilipenko während eines Schauers. Quelle: Stefan Arndt
Hannover

So klingt Italien: eine Melodie, zart und warm wie die ersten Sonnenstrahlen. Erst dehnt sie sich kurz mit zwei, drei vielleicht etwas großspurigen Intervallen, dann aber ist sie ganz da – in weitem Bogen heben die Geigen an zu einer schwärmerischen Hymne. Dabei werden sie nur von den Celli begleitet, die dieselbe Melodie eine Oktave tiefer spielen. Umständliche Harmonien würden bei diesen hitzigen Klängen nur so störend und fremd wirken wie Wolken an einem azurblauen Himmel.

Südliche Musik, norddeutsche Gelassenheit

Da ist schon etwas sonderbar, wenn man dieses „Intermezzo sinfonico“ unter Regencapes hört, auf denen auch noch „Das Beste am Norden“ steht. Aber das sinfonische Zwischenspiel gehört zu Pietro Mascagnis Oper „Cavalleria rusticana“, die in diesem Jahr zusammen mit Ruggero Leoncavallos „Bajazzo“ auf dem Spielplan beim NDR Klassik Open Air im Maschpark steht. Und das Wetter hat es am Donnerstagabend nun einmal nicht so gut gemeint wie in den vergangenen Jahren.

 

Bei derart südlicher Musik konnte man das mit norddeutscher Gelassenheit immerhin recht leicht wieder vergessen: Am Ende um kurz nach halb zwölf jedenfalls war das Publikum begeistert.

Wegen der Nässe waren von vornherein relativ wenig Zaungäste in den Maschpark gekommen. Im vergangenen Jahr waren insgesamt 44 000 Besucher beim Klassik Open Air dabei. Am Donnerstag haben die Veranstalter die Zahl der Zuhörer im Maschpark auf 6500 geschätzt. Dazu kamen die 2000 zahlenden Besucher vor der Bühne.

Zwei unterschiedliche Opern

Die erlebten zwei vor allem szenisch sehr unterschiedliche Opern: „Der Bajazzo“ mit seiner etwas komplizierten Handlung, die die Bühnenrealität mit einer Theatervorführung auf der Bühne verschränkt, war eher auf die Übertragung auf die Videowand (im Maschpark) und Bildschirme (am Sonnabend ab 21.45 Uhr im NDR Fernsehen) gemünzt, als auf die große Bühne. Viele wichtige Details waren offenkundig für Nahaufnahmen bestimmt, die es beim direkten Blick auf das Geschehen nicht gab.

Wesentlich wirkungsvoller war die Version von „Cavalleria rusticana“, die Regisseur Michael Valentin schon im handlungsarmen Beginn mit wenigen starken Bildern interessant illustrierte. Dass am Ende mitten im Publikum unübersehbar ein Mord passiert, den ausgerechnet die Figuren auf der Bühne erst Minuten später bemerken, gehört zu den kleinen Unschärfen, die man einem Open-Air-Spektakel leicht nachsehen kann.

Weltklasse und Flüchtigkeitsfehler

Auch musikalisch gab es die für solche Events wohl typische Diskrepanz zwischen Weltklasse und Flüchtigkeitsfehlern: Es wurde oft spektakulär gesungen – aber manchmal nicht ganz im Einklang mit den übrigen Mitwirkenden.

Große Geste: Bariton Claudio Sgura. Quelle: Rainer Dröse

 

Dass selbst der fabelhafte Bariton Claudio Sgura Abstimmungsprobleme in der rhythmisch vertrackten Auftrittsarie des Alfio in „Cavalleria rusticana“ hatte, erinnerte etwa daran, wie heikel die akustischen Verhältnisse auf einer Open-Air-Bühne sind. Sicher hätte sich auch Dirigentin Keri-Lynn Wilson gerade dieses Stück wesentlich direkter und trockener im Klang gewünscht.

Ein Abend für die Sänger

Ansonsten machte der elektronisch erzeugte Breitwandsound durchaus Eindruck: In großen Chorszenen (mit Mitgliedern vom Mädchenchor, dem Johannes-Brahms-Chor und dem Staatsopernchor) ebenso wie in den feinen Orchesterpassagen wie dem „Intermezzo sinfonico“, bei dem die NDR Radiophilharmonie zeigen konnte, dass sie auch auf ungewohntem Terrain Herausragendes zu leisten vermag.

Ein echter Profi: Tenor Marco Berti. Quelle: Rainer Dröse

Mehr als melodramatische Schluchzer

Vor allem gehörte der Abend aber den großen Stimmen, die nicht hinter den Erwartungen zurückblieben, die man an echte Opernstars haben kann. Tenor Marco Berti erwies sich sowohl als Titelheld im „Bajazzo“ als auch als Turiddu in „Cavalleria rusticana“ als absolut professionell: Er leistete sich auch bei knapper Probenzeit ohne Schwierigkeiten schöne Tempoveränderungen und überzeugte sowohl mit stählerner Strahlkraft als auch mit einer gewissen Sensibilität.

Und natürlich hat Berti begriffen, dass in der Partie des Bajazzos mehr steckt als nur die melodramatischen Schluchzer in seiner berühmtesten Arie, die Generationen von Tenören vor ihm vor allem beschäftigt haben.

Triumph der Frauen: Aleksandra Kurzak singt Nedda in „Der Bajazzo“. Quelle: Rainer Dröse

Wirklich spektakulär singen aber vor allem die Frauen: Aleksandra Kurzak gibt eine wunderbare „Bajazzo“-Nedda, und Liudmyla Monastyrska ist als glutvolle Santuzza in „Cavalleria rusticana“ selbst neben starken Kolleginnen wie Tichina Vaughn (Lucia) und Veta Pilipenko (Lola) die unangefochtene Primadonna, die jeder große Opernabend braucht.

Die Opern sind noch einmal am Sonnabend ab 20.30 Uhr bei freiem Eintritt im Maschpark zu erleben, die kostenpflichtigen Plätze vor der Bühne sind bereits ausverkauft. Bisher ist Regen vorhergesagt. Aber was macht das schon angesichts einer solchen Gelegenheit?

Von Stefan Arndt

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