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NDR Klassik Open Air: So kommt die Maschpark-Oper ins Fernsehen

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18:06 09.07.2019
„Wenn man sich hier überlegt, was alles schief gehen könnte, braucht man eigentlich gar nicht anzufangen“: Klassik-Open-Air-Regisseur Michael Valentin auf der Bühne. Quelle: Stefan Arndt
Hannover

Nach der Oper ist vor der Oper: Die Vorbereitungen für das NDR Klassik Open Air, das alljährlich große Oper in den Maschpark bringt, beginnen am Tag nach der letzten Aufführung. So hat auch Regisseur Michael Valentin im Sommer 2018 zum ersten Mal zum Klavierauszug von „Cavalleria rusticana“ gegriffen. Die Oper von Pietro Mascagni steht am Donnerstag und am Sonnabend auf dem Programm im Maschpark, wenn die Grünanlage hinter dem Neuen Rathaus in Hannover wieder zur Open-Air-Bühne wird.

Außerdem wird „Der Bajazzo“ von Ruggero Leoncavallo gespielt – die beiden kurzen Einakter werden traditionell zu einer abendfüllenden Opernaufführung zusammengespannt.

Nur ein bisschen Spiel?

Valentin war schon beim ersten Klassik Open Air 2014 mit „Tosca“ als Regisseur mit an Bord – und hatte damit eigentlich eine ausgesprochen bescheidene Rolle. „Die Idee war damals eine konzertante Aufführung mit nur ein bisschen Spiel“, erinnert er sich, „aber dann sind bei den Proben mit uns allen die Pferde durchgegangen“, sagt er.

Am Ende stand eine auch szenisch fast vollwertige Aufführung. Treibende Kraft war damals der Tenor José Cura, der vor Ideen und Energie geradezu übersprudelte. Damit ist der Standard für Valentin bis heute gesetzt: „Es ist ja klar, dass wir nicht mehr dahinter zurückfallen wollen.“

Eine Inszenierung aus zwei Perspektiven

Der Regisseur, der regelmäßig klassische Konzerte (und das NDR-Satiremagazin „Extra 3“) fürs Fernsehen in Szene setzt, muss bei einem Klassik Open Air inzwischen sogar zwei Inszenierungen gleichzeitig auf die Beine stellen: Weil die Aufführung auch im Fernsehen zu sehen ist, kann Valentin nicht wie ein klassischer Opernspielleiter allein an die Wirkung auf der Bühne denken – er muss auch überlegen, wie die Szenen am besten auf dem Bildschirm wirken.

Das NDR Klassik Open Air

Das NDR Klassik Open Air findet am Donnerstag, 11., und am Sonnabend, 13. Juli, im Maschpark in Hannover statt. Gespielt werden die Opern „Der Bajazzo“ von Ruggero Leoncavallo und „Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni. Beginn ist jeweils um 20.30 Uhr. Für Donnerstag sind für die Plätze vor der Bühne noch Tickets verfügbar. Die Vorstellung am Sonnabend ist ausverkauft. Im Maschpark hinter der Bühne kann man die Vorstellungen umsonst verfolgen. Die Aufführung am Sonnabend wird zeitversetzt im NDR Fernsehen übertragen. Beginn ist um 21.45 Uhr. In der NDR-Mediathek ist die Sendung danach ein Jahr lang abrufbar. Die Vorstellung am Donnerstag ist live im Radio zu hören: ab 20.30 Uhr auf NDR Kultur.

Darum ist sein Klavierauszug inzwischen auch mit Zahlen übersät, die über den Noten stehen: Die bezeichnen die jeweilige Kamera, aus deren Blickwinkel die entsprechende Passage bei der Sendung zu sehen sein wird. Vor allem im Orchestervorspiel sind dabei schnelle Schnitte geplant, weil man schließlich sehen soll, was zu hören ist: Beim Flötensolo wird der Flötist ins Bild gerückt, beim zarten Beginn ist der Blick auf die Geigen gefragt, und auf dem strahlenden Höhepunkt sieht man die Blechbläser schmettern.

17 Kilometer Kabel

Insgesamt 13 Kameras vom tragbaren Gerät bis zum großen Studioapparat sind dafür in diesem Jahr im Einsatz. Erstmals sind sogar zwei davon auf großen Kränen montiert, die weite Fahrten über Bühne und Publikum ermöglichen. Kein Wunder, dass die Techniker vom NDR im Vorfeld 17 Kilometer Kabel verlegt haben, um alles gut ins Bild und rechte Licht zu rücken.

Ein „Beauty-Shot“: Blick auf das beleuchtete Rathaus während des Klassik Open Airs mit „Don Giovanni“ im vergangenen Jahr. Quelle: Peter Steffan/dpa

Große Bühne – kleine Bewegungen

Zusätzlich zu dem schon in der Vergangenheit eingesetzten Kamerakran neben der Bühne wird der zweite im Park aufgestellt, um möglichst atmosphärische Bilder von der festlich beleuchteten Rathaus-Kulisse einfangen zu können. „Beauty-Shot“ heißen solche dekorativen Einstellungen in der Sprache der Fernsehleute.

Natürlich müssen auch die Sänger die Besonderheiten einer Fernsehübertragung beachten: Auf dem Bildschirm sind sie oft in Nahaufnahme zu sehen – zu große Bewegungen, zu denen die Weite der Bühne hinter dem Rathaus verführen könnte, erscheinen da schnell übertrieben. Eine wichtige Aufgabe Valentins ist es also, immer wieder etwas Zurückhaltung einzufordern.

Alle Freiheiten für die Sänger

Ansonsten haben die Solisten in Hannover alle Freiheiten. „Unser Konzept funktioniert nur, weil wir darauf bauen können, dass unsere Sänger ein ausgeprägtes Rollen- und Spielverständnis mitbringen“, sagt der Regisseur. Soll heißen: Die Sänger wissen auch ohne ihn, was sie tun müssen, um ihre Figuren möglichst plastisch zum Leben zu erwecken.

„Wir bauen ein Opernhaus“: Die Bühne für das Klassik Open Air. Quelle: Uphoff/NDR

Das muss unter freiem Himmel besonders überzeugend gelingen, damit die Zuschauer dem Bühnengeschehen überhaupt folgen können: Nicht jeder wird den italienischen Operntext verstehen, und Übertitel wie in einem Opernhaus gibt es hier nicht.

Außerdem ist nicht viel Platz für ein Bühnenbild, das die jeweiligen Situationen erklären könnte. Bei „Cavalleria rusticana“ etwa stehen am linken Bühnenrand ein kleiner Altar und ein Kirchenfenster, links gibt es ein paar Stühle und einen Tisch mit gefüllten Gläsern – das muss genügen, um Dom und Taverne zu markieren. „Es braucht nicht viel, um eine Idee hervorzurufen“, sagt Valentin, „den Rest ergänzt der Zuschauer im Kopf“.

Akustik durch die richtige Verstärkung

Allerdings ist es mit den Requisiten allein nicht getan. „Im Grunde bauen wir hier ein temporäres Opernhaus“, umschreibt Valentin den logistischen Aufwand für das Klassik Open Air. Neben Bühne, Zuschauerrängen und Toiletten muss auch der Klang erst bereitgestellt werden: Weil es unter freiem Himmel keine richtige Akustik gibt, müssen Sänger und Orchester so verstärkt werden, dass Ausführende und Zuhörer möglichst gut hören können.

Insgesamt arbeiten rund 100 Mitarbeiter hinter den Kulissen daran, dass auf der Bühne und bei der Fernsehübertragung alles funktioniert. „Wir haben hier die besten Mitarbeiter aus allen Abteilungen“, sagt Marlis Fertmann, die das Klassik Open Air im Auftrag des NDR organisiert.

Solche Qualität an allen Positionen ist auch nötig, wenn man in so kurzer Zeit ein so komplexes Projekt wie eine Opernaufführung stemmen will. „Wenn man sich hier überlegt, was alles schief gehen könnte, braucht man eigentlich gar nicht anzufangen“, sagt Valentin. Man brauche „ein gutes Maß an Optimismus und Tollkühnheit“ – auch wenn die Erfahrungen aus den vergangenen Jahren gezeigt haben, dass am Ende alles funktioniert.

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Von Stefan Arndt

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