Neuer Hannover-Bildband: „Menschen in der Fabrik“ ist erschienen
Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Region Neuer Bildband zeigt „Menschen in der Fabrik“
Nachrichten Kultur Region

Neuer Hannover-Bildband: „Menschen in der Fabrik“ ist erschienen

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:00 10.01.2022
Selbstbewusst: Die Belegschaft der Marzipanabteilung in der Schokoladenfabrik Sprengel im Jahr 1901. Die Abbildung stammt aus dem Buch „Menschen in der Fabrik“ von Kristina Huttenlocher.
Selbstbewusst: Die Belegschaft der Marzipanabteilung in der Schokoladenfabrik Sprengel im Jahr 1901. Die Abbildung stammt aus dem Buch „Menschen in der Fabrik“ von Kristina Huttenlocher. Quelle: Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv
Anzeige
Hannover

Industriefotografie – man muss nur das Wort hören, schon sieht man mäßig gut belichtete Schwarz-weiß-Aufnahmen vor sich. Rußgeschwärzte Gesichter, Knochenjobs, Ausbeutung. Die gängige Lehrmeinung sprach davon, dass Arbeiter auf solchen Bildern eher Staffage seien, Statisten gar, entindividualisiert, und dass Industriefotos, die die Chefs in Auftrag gegeben hatten, die einschlägigen Machtverhältnisse nur kaschieren sollten.

Tatsächlich? Die in Hannover aufgewachsene Historikerin Kristina Huttenlocher hat bei ihren Recherchen in den Archiven von hannoverschen Familienbetrieben wie Bahlsen, Pelikan, Sprengel und Feinkost Appel – sie ist die Urenkelin des Appel-Firmengründers Heinrich Wilhelm Appel – ganz andere Aufnahmen gefunden. Und sie präsentiert sie jetzt in ihrem neuen Buch „Menschen in der Fabrik“.

Firma Pelikan: Werksräume am Engelbostler Damm, mit Chef Fritz Beindorff (auf der Treppe); aus dem Buch "Menschen in der Fabrik" von Kristina Huttenlocher. Quelle: Pelikan/Archiv

Da ist zum Beispiel ein Bild aus dem Jahr 1901 aus der Marzipanabteilung der Schokoladenfirma Sprengel. Die Belegschaft steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Fotografen. Selbstbewusst zeigen die Menschen sich und ihre Arbeit, und einige werden auch namentlich genannt: Lehrling Dörrje, Fassmacher Wilhelm Eicke, Abteilungsleiter Wilhelms Broos. Und im Vordergrund mit weißer Schürze – zwar ein bisschen überbelichtet, aber ganz und gar nicht entindividualisiert – eine gewisse Frau Piepenbrink.

Heinrich Wilhelm Appel, damals „Zucker-Appel“ genannt, war ein Kolonialwarenhändler, der erst besagten Zucker, dann auch Senf und Gewürze, eigens angerührte Marinaden und die erste industriell hergestellte Mayonnaise verkaufte. Appel (die Firma gibt es nicht mehr, bloß der Markenname existiert noch und wird für eine Produktionsstätte in Cuxhaven verwendet) hat den Begriff „Feinkost“ erfunden. Kristina Huttenlocher wiederum, die lange als Lehrerin gearbeitet hat und heute in Oberursel in Hessen lebt, befasste sich intensiv mit dem Unternehmen ihrer Familie und dann auch mit anderen Betrieben und veröffentlichte Bücher zu den Firmenhistorien von Appel und Sprengel.

Verpackungsmaschine für Leibniz-Kekse: Firma Bahlsen, 1964. Quelle: Foto Schneiders/Bahlsen

Das Bild, das sie in ihrem neuen Buch zeichnet, inspiriert von den eigenen Erinnerungen und unterfüttert von wissenschaftlicher Recherche der Autorin, konterkariert das Klischee der zigarrenbewehrten Chefs, die ihre Untergebenen den lieben langen Tag knechteten. In der Lebensmittelindustrie, aber auch anderswo war die Qualität der Produkte das höchste Gebot, denn wer Minderwertiges zu verkaufen versuchte, verlor sofort seinen Ruf. Und da gute Produkte nur mit zufriedenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu erreichen sind, kümmerten sich viele Firmeninhaber sehr darum, dass es ihren Leuten gut ging.

Es gab also sehr wohl Wertschätzung der Belegschaften – und das lässt sich nicht nur in Worten und Zahlen, sondern auch in den Gesichtern der Menschen auf den Industriefotos nachweisen. Ausflüge in die Themenbereiche Industriearchitektur, Maschinenentwicklung, Soziales und die Welt nach Feierabend runden das Buch ab. Ein Werk für Hannover-Fans, für Industrieinteressierte, für Liebhaber von Historischem. Und für alle, die ihre Vorurteile in Sachen Wirtschaft mal auf den Prüfstand stellen wollen.

Neues Buch über „Menschen in der Fabrik“: Historikerin Kristina Huttenlocher. Quelle: Clemens Wlokas

  • Info: Kristina Huttenlocher: „Menschen in der Fabrik – Industriefotografie in Konsumgüterfirmen 1895 bis 1970“. Verlag De Gruyter Oldenbourg. 186 Seiten mit 275 Abbildungen, 29,95 Euro.

Von Bert Strebe