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Neustädter Hof- und Stadtkirche: Neue Orgel macht Kirche zum Hochschulstandort

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08:39 27.10.2019
Lücke gefüllt: Das Einweihungskonzert der neuen Barockorgel (hinten) in der Neustädter Hof- und Stadtkirche. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Die Königin hat Lampenfieber. Dass alle Bänke bis auf den letzten Platz besetzt sind, schlägt der neuen Orgel in der Neustädter Hof- und Stadtkirche unüberhörbar auf die Stimmung: Die Töne der hölzernen Schalmey-Pfeifen ganz hinten in dem prachtvollen weiß-goldenen Gehäuse sacken beim Einweihungskonzert des gewaltigen Instrumentes etwas ab – und geben Johann Sebastian Bachs an sich erbaulichem Choralvorspiel zu „Schmücke dich, o liebe Seele“ einen Anstrich von Katzenmusik.

Ein Missklang im Festkonzert: So bekommen die Zuhörer zumindest eine Ahnung davon, was für ein gewaltiges Unterfangen der Bau einer solchen Orgel ist. Die Schalmey ist nur eins von 51 Registern, eins von 51 Pfeifensortimenten also, die jeweils spezifische Klangfarben haben. Rund 2900 Orgelpfeifen mit Längen von fünf Millimeter bis fünf Meter kommen auf diese Weise zusammen, und alle müssen sorgsam fein aufeinander abgestimmt werden. Eine Sisyphosarbeit.

Besondere Stimmung

Der kleine Unfall, der vermutlich durch die wegen der vielen Besucher plötzlich erhöhte Luftfeuchtigkeit hervorgerufen wurde, macht immerhin hellhörig für eine Besonderheit, die die neue Orgel von anderen Instrumenten abhebt: Sie ist so gestimmt, dass alle Tonarten eine jeweils typische Charakteristik bekommen. Das unterscheidet sie beispielsweise von dem ebenfalls noch recht jungen Instrument in der Marktkirche und ist eigentlich typisch für eine Orgel der Barockzeit. Der belgische Orgelbauer Dominique Thomas nämlich hat das neue Instrument optisch und klanglich historischen Vorbildern nachempfunden.

Damit hat er einem Wunsch der hannoverschen Musikhochschule entsprochen, die sich für ihre Kirchenmusikabteilung seit Langem ein Instrument wünscht, das für Barockmusik – vor allem für die von Bach – passgenau geeignet ist. Nach den Kriegszerstörungen ist in Hannover anders als in vielen anderen Orten Norddeutschlands kein bedeutendes historisches Instrument erhalten geblieben. Um diese wichtige Lücke zu füllen, hat die Hochschule bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft schon vor elf Jahren ordnungsgemäß den Antrag auf ein „Großgerät“ gestellt – und ihn endlich erfüllt bekommen, nachdem der Standort in der Neustädter Hof- und Stadtkirche gefunden wurde.

Die zweite Hybridkirche

Kirche und Hochschule haben für die Orgel einen Kooperationsvertrag mit einer Laufzeit von vorerst 30 Jahren geschlossen, der ab sofort weitreichende Folgen hat: „Die Kirche ist jetzt ein Hochschulstandort“, sagt Susanne Rode-Breymann, die Präsidentin der Musikhochschule. In Zeiten der gewaltigen Raumnot in ihrem Haus und sinkenden Mitgliederzahlen der Kirchengemeinde sei die Kooperation eine tragfähige Perspektive für beide Institutionen.

Hochschulprofessor Emmanuel Le Divellec spielt in der Neustädter Hof- und Stadtkirche das Einweihungskonzert der neuen Barockorgel. Quelle: Samantha Franson

Neben der Christuskirche, die inzwischen auch Heimat des Mädchenchors Hannover ist, gebe es nun mit der Neustädter Hof- und Stadtkirche eine zweite „Hybridkirche“, so Rode-Breymann. Die Musik kehre so an Orte zurück, von denen sie wichtige Impulse bekommen habe. Mit der Christuskirche könnte es bald noch eine weitere Gemeinsamkeit geben: Die Neustädter Kirche ist derzeit im Gespräch als neue Heimat für den Knabenchor Hannover.

Vorerst aber gibt hier vor allem die Orgel den Ton an. Unter den Händen von Kirchenmusikprofessor Emmanuel Le Divellec, der die Anschaffung des rund 1,2 Millionen teuren, von Land und Landeskirche finanzierten Instrumentes maßgeblich vorangetrieben hat, erzeugte die bei einem reinen Bach-Programm überwiegend etwas matten Wohlklang. Das ganze Potenzial des neuen Instrumentes wird wohl während der Festwoche zur Einweihung in vier weiteren Konzerten zu erleben sein.

Die nächsten Konzerte an der neuen Orgel

Am Montag, 28. Oktober, spielt Marktkirchen-Organist Ulfert Smidt das Programm „Vom Norden zu Bach“. Kirchenmusikdirektor Lothar Mohn hat sein Konzert am Dienstag, 29. Oktober, unter das Motto „Woher? – Wohin?“ gestellt. Am Mittwoch, 30. Oktober, ist der Hamburger Orgelprofessor Wolfgang Zerer zu Gast, am Freitag, 1. November, spielen drei Orgelstudentinnen. Alle Konzerte beginnen um 18 Uhr in der Neustädter Hof- und Stadtkirche.

Lesen Sie weiter:

Erste Eindrücke aus der Neustädter Hof- und Stadtkirche: So klingt die neue Orgel.

Von Stefan Arndt

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