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Region Jubel zur Premiere: Lydia Steier inszeniert Oper „La Juive“
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Neustart an der Staatsoper: Große Oper: Lydia Steier inszeniert „La Juive“ in Hannover

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17:31 15.09.2019
Die Liebe als Religionskonflikt: Szene mit Hailey Clark (Rachel) und Matthew Newlin. Quelle: Sandra Then
Hannover

Kaum drei Monate trennen die letzte Produktion der Ära von Michael Klügl und die erste von Laura Berman, seiner Nachfolgerin auf dem Intendantensessel in der Staatsoper Hannover, doch zwischen diesen Produktionen liegen Welten. Zu Klügls Abschied war eine der frühesten Opern der Musikgeschichte zu sehen: Claudio Monteverdis „Poppea“, die Regisseur Ingo Kerkhof in typisch spartanischem Dekor in Szene setzte. Berman startet nun mit Fromental Halévys Oper „La Juive“, einem der großen vergessenen Erfolgsstücke aus der Blütezeit der Gattung im 19. Jahrhundert. Lydia Steier setzt in ihrer Inszenierung auf üppigste Ausstattung – unter anderem bringt sie mehr als 600 verschiedene Kleider, Uniformen und Anzüge auf die Bühne.

Solche Opulenz (Kostüme: Alfred Mayerhofer) ist durchaus stilecht bei einer Pariser Grand Opéra, die stets auch auf Spektakel angelegt war. Die Masse der Kostüme ist aber vor allem Steiers Idee geschuldet, die Oper auf verschiedenen Zeitebenen spielen zu lassen. Es beginnt im Amerika der Fünfzigerjahre und führt dann immer tiefer hinab in die Vergangenheit: über Weimarer Jahre und die deutsche Kleinstaaterei bis zurück ins Mittelalter, in dem die Handlung eigentlich angesiedelt ist. Man braucht keine Nazis, um von Antisemitismus und Ausgrenzung zu erzählen.

Opulenz an der Staatsoper: Lydia Steier inszeniert „La Juive“

„La Juive“ – Die Jüdin – handelt vom jüdischen Goldschmied Eléazar, der mit seiner Tochter Rachel nach Pogromen in Rom nach Konstanz gekommen ist. Rachel fängt dort eine Beziehung mit dem Fürsten Leopold an, der sich als Jude ausgibt, aber bereits mit der Prinzessin Eudoxie verheiratet ist. Als Rachel das herausfindet, verklagt sie ihn und wird gemeinsam mit ihm und ihrem Vater zum Tod verurteilt. Oberste Instanz ist Kardinal Brogni, der bereits Eléazars Söhne getötet und seine eigene Familie bei einem Brand verloren hat. Auf dem Schafott enthüllt Eléazar, dass er die Tochter des Kardinals damals aus den Flammen gerettet hat – es ist Rachel, die in diesem Moment hingerichtet wird.

Anders als in den meisten anderen Opern steht in „La Juive“ nicht die Liebe im Zentrum, sondern der Konflikt zwischen Menschen zweier Religionen. Im Stück wird er vor allem zwischen dem jungen Paar Rachel und Leopold und den alten Kontrahenten Eléazar und Brogni ausgetragen.

Die Tragik der Wiederholung

In Hannover fügt Regisseurin Steier eine weitere, allgemeinere Ebene hinzu, indem sie schon in der ersten Szene ihrer beherzt gekürzten Fassung (in der sogar die Ouvertüre gestrichen ist) ein jüdisches Kind von einem Christenjungen angreifen lässt: Ein Konflikt, der sich im Laufe des dreieinhalbstündigen Abends ständig erneuert – und immer den gleichen Verlierer hervorbringt. Durch die unterschiedlichen Zeitebenen wird diese Tragik der Wiederholung noch verstärkt. Manche Dinge ändern sich einfach nicht.

Dazu passt das Bühnenbild von Momme Hinrichs, der die Szene von einer gewaltigen grauen Wand beherrschen lässt, auf die sich verschiedene Elemente (ein Zimmer, ein Saal, ein Platz) projizieren oder aus ihr herausdrehen lassen und die aussieht wie gepflastert: eine Straße der Geschichte, die die Figuren leitet auf ihrem Weg durch die Zeit.

Virtuose Massenszenen

Steier gelingen immer wieder starke Bilder. Sie balanciert trittsicher zwischen sanfter Ironie – etwa bei den Auftrittsarien der drei christlichen Hauptfiguren – und finsterer Klarheit, mit der sogar Kinderleichen zum Dinner serviert werden. Mit leichter Hand legt die Regisseurin die Kernthemen des Stückes frei. Beim eigentlich triumphalen Einzug des Kaisers zum Beispiel erinnert sie mit Panzer, mittelalterlichem Foltergerät und lässigem Augenzwinkern daran, wie Macht zu allen Zeiten erreicht und gesichert wird.

Überhaupt ist die US-amerikanische Regisseurin eine Virtuosin der Massenszenen. Das Volk – der fabelhafte Chor der Staatsoper – wird hier zum von Szene zu Szene enthemmteren Gewaltverstärker, dem die Auslöschung Andersgesinnter als Selbstverständlichkeit und Brutalität als gute Unterhaltung gilt.

Hailey Clark als Rachel in „La Juive“. Quelle: Sandra Then

In der starken Inszenierung stellt sich ein musikalisch starkes Team vor. Gesungen wird durchweg hervorragend: Hailey Clark gelingt ein überzeugender Einstand in der Titelrolle, Shavleg Armasi kann als Brogni seine in Hannover bereits bekannten Qualitäten erneut unter Beweis stellen. Zoran Todorovich hat vor Jahren zum Ensemble der Staatsoper gehört – nun setzt er gastweise in der Partie des Eléazar Maßstäbe als durchhaltestarker und schön wandelbarer Charaktertenor.

Melancholische Angeberarie

Sein Kollege Matthew Newlin überzeugt als Léopold gleich bei seinem ersten Auftritt mit einer erstaunlich melancholischen Angeberarie, die die Frauen (auf der Bühne) reihenweise in Ohnmacht fallen lässt. Herausragend ist auch Mercedes Arcuri als Prinzessin Eudoxie – die Qualität des neuen Ensembles ist mindestens vielversprechend.

Der Dirigent Constantin Trinks Quelle: Katrin Kutter

Das gilt auch für die Arbeit des Dirigenten Constantin Trinks, der einer der Anwärter auf die bisher nicht besetzte Position des Generalmusikdirektors ist. Trinks nutzt die besonderen Chancen, die Halévys Musik bietet: Er hat feines Gespür für die spezifischen Farben des Stückes, aber auch keine Hemmungen, es richtig krachen zu lassen, wenn die Musik es hergibt.

Mit präziser Schlagtechnik bringt er souverän Ordnung in die Aufführung, die mit ihren vielen Chorensembles hohe Ansprüche an die Koodinationsfähigkeit eines Dirigenten stellt, und eröffnet doch überall dort Freiräume, wo Solisten auf der Bühne oder im Orchester das einfordern. Dass der lange Abend sehr kurzweilig erscheint, liegt auch an der zunehmenden Sogwirkung einer Musik, die eben nur scheinbar unauffällig und konventionell ist.

Für Trinks und das Orchester gibt es am Ende den lautesten Beifall. Viel Jubel aber auch für die Sänger und das Regieteam. Der Neustart an der Oper ist gelungen.

Nächste Vorstellungen sind am 18., 24. und 27. September sowie am 3., 6., 8., 12. und 31. Oktober.

Der Blockbuster des 19. Jahrhunderts

Oper ist Italien: die Scala, La Fenice, die Arena von Verona. Oper ist Wien, wo Mozart Wunder gewirkt hat, und natürlich auch Wagners Bayreuth. Aber Paris? Als Musikmetropole ist die französische Hauptstadt heute sonderbar unterbelichtet, dabei war Paris in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert das unbestrittene Zentrum der Musikwelt – vor allem dank seiner Opernhäuser, in denen die Gattung eine bis dahin nie gekannte Breitenwirkung entfaltete: Die Grand Opéras aus Paris waren die ersten europäischen Blockbuster.

Seit einigen Jahren sind die Stücke, die sich von der üblen Nachrede Richard Wagners (der in Paris musikalisch entscheidend geprägt wurde) und dem Verbot durch die Nazis im 20. Jahrhundert lange nicht erholt hatten, wieder vermehrt zu sehen: Die Opern von Giacomo Meyerbeer werden zu Prestigeprojekten an großen deutschen Bühnen, und auch Fromental Halévys „La Juive“, die über Jahrzehnte zu den weltweit meistgespielten Opern gehörte, wird langsam wiederentdeckt.

Constantin Trinks, der Dirigent der hannoverschen Aufführung, hält das Stück vielen Werken überlegen, die sich im Repertoire etabliert haben. Um seine Qualitäten wieder schätzen zu lernen, muss der Hörer allerdings Erwartungen über Bord werfen und offen sein für eine inzwischen ungewohnte Art der Musikdramatik. Bei der Produktion an der Staatsoper fällt das leicht: Die musikalische Wiederentdeckung von Paris geht weiter.

Lesen Sie weiter:

Die Himmelfahrtskommandantin: Ein Porträt der Regisseurin Lydia Steier.

Bruckner im Gepäck: Ein Porträt des Dirigenten Constantin Trinks.

Die Theaterflatrate: Studierende kommen jetzt kostenlos in die Oper.

Die Eröffnungsgala: So machen Oper und Schauspiel Vorfreude auf die Saion.

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