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Region Ballettpremiere: Marco Goecke zeigt „Nijinski“ an der Staatsoper
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Nijinski: Marco Goecke zeigt seine Choreografie an der Staatsoper Hannover

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10:37 14.12.2019
Spiel mit dem Feuer: Szene aus „Nijinski“ mit Rosario Guerra in der Titelrolle. Quelle: Ralf Mohr
Hannover

Ordnung ist das halbe Leben. Marco Goeckes Choreografie „Nijinski“, die 2016 in Stuttgart uraufgeführt wurde und nun in einer überarbeiteten Fassung an der Staatsoper Hannover zu sehen ist, sortiert die Biografie des Ballets-Russes-Stars Waslaw Nijinski schön übersichtlich in verschiedene Kapitel: der talentierte Junge, der behütet von seiner Mutter erste Erfolge feiert und bald auszieht in die Welt. Der berühmte Solist, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und auch die Liebe seiner Mitmenschen. Schließlich der Wahnsinnige, der immer hoffnungsloser in seiner eigenen Welt versinkt.

Eine tragische Geschichte. Leben und Werk dieses berühmtesten aller Tänzer wurden schon oft auf der Bühne und auf der Leinwand erzählt. Goecke genügt ein Stichwort, ein Requisit oder das Detail eines Kostüms, um an einzelne Episoden davon zu erinnern.

Ein verstörender Abend

Und doch ist Hannovers neuer Ballettdirektor weit entfernt davon, mit seinem Stück einfach nur eine vielfach überlieferte Biografie nachzuerzählen. „Nijinski“ offenbart sich unter der harmlos-historischen Oberfläche als geradezu verstörender Ballettabend. Denn anders als im Theater üblich, treten die Gefühle und Emotionen, die die jeweiligen Szenen charakterisieren, fast nie in reiner Form auf. Vielmehr scheinen sie mit den jeweils entgegengesetzten Empfindungen vermischt zu sein: Das Glück ist hier zugleich ein Unglück, in zarter Liebe steckt auch Gewalt, und in der Verzweiflung schwingt Hoffnung mit. Ein Mensch, der das aushalten muss, droht ständig zu zerreißen.

So sah „Nijinski“ im Schauspielhaus aus. Quelle: Ralf Mohr

Genauso sehen Goeckes Tänzer auch aus. Sie scheinen unter großem inneren Druck zu stehen, der sich immer wieder in rasant zuckenden Regungen entlädt. Arme kreisen entfesselt wie Mühlenflügel im Angriffsmodus, Hände und Köpfe werden geschüttelt, als stünden sie unter Strom, Schulter ziehen sich wie ans Kreuz geschlagen nach oben: Die Sprache dieses Choreografen ist ein Bewegung gewordener Hilfeschrei – die muskuläre Verlängerung einer verzweifelten Seele. Natürlich passt das zum tragischen Ende von Waslaw Nijinski. Aber man ahnt doch, dass dieser Abend nicht nur von dessen Leben erzählt.

Viel mehr als Schrittfolgen

Für die Tänzer und Tänzerinnen des neu besetzten Staatsballetts bedeutet das enorme Herausforderungen. Rosario Guerra hält in der Titelrolle den kräftezehrenden, anderthalbstündigen Abend nicht einfach nur durch – er macht seinen Nijinski furchbar empfänglich für alle Art von Gefühlen: Nichts scheint an dieser Figur abzuprallen. Bei Guerra kann Goeckes zackiger Bewegungsschutzpanzer urplötzlich weich und durchlässig werden. Sein charismatischer, virtuoser Star, der gerade noch unantastbar schien, wird so von jeder Verletzung schwer getroffen. Mit richtigen Schrittfolgen allein kann man so etwas nicht bewältigen.

Auf Tuchfühlung: Diaghilew (Conal Francis-Martin, links) und Nijinski (Rosario Guerra). Quelle: Ralf Mohr

Auch das übrige Ensemble besticht mit einer Mischung aus höchster Präzision und starker Persönlichkeit. Conal Francis-Martin etwa ist ein bedrohlich gönnerhafter Diaghilew, Laura Nicole Viganó eine ebenso anmutige wie kämpferische Muse und Alessandra La Bella eine Mutter, die ihrer Liebe entsagt, um ihren Sohn in eine große Zukunft zu entlassen.

Reibungsfläche Orchestergraben

Viele weitere Rollen sind auf Solisten verteilt. Als größere Gruppe sind die Tänzer nur selten zu erleben. Goecke setzt auch in der großen Form eines abendfüllenden Balletts auf viele kleinformatige Soli und Duette. Dazu passen das sehr sparsame Bühnenbild und die effektvoll aufs Wesentliche reduzierten Kostüme von Michaele Springer.

Opulenz und zusätzliche Reibungsfläche kommen aus dem Orchestergraben. Unter Leitung von Valtteri Rauhalammi und mit der Pianistin Narmin Najafli spielt das Staatsorchester die beiden Klavierkonzerte von Chopin und Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“. Die warm schwebende Musik des Préludes illustriert wie einst bei Nijinskis berühmter erster Choreografie dieses Stückes eine ebenso poetische wie konkrete erotische Szene. Chopins weicher Melodienfluss aber scheint zunächst in Kontrast zu Goeckes scharfkantiger Bewegungssprache zu stehen, die zudem immer wieder auch in bewussten Stoßatmern und anderen Geräuschen hörbar wird.

Der Geist der Rose: Szene aus „Nijinski“. Quelle: Ralf Mohr

Doch je länger man dem Abend folgt, desto deutlicher wird das sehr musikalische Vorgehen des Choreografen: Goecke illustriert auch die Abgründe, die unter Chopins melancholischen Melodien lauern. „Nijinski“ endet nach dem zweiten Satz des zweiten Konzertes. Das übermütige Finale fällt aus. So bleibt der Abend unerfüllt, wie die Figur, die er beschreibt. Traurigkeit stellt sich im Opernhaus danach aber nicht ein: Der Premierenapplaus ist laut und lang.

Wieder am 20. und 28. Dezember, am 5., 7., 10. und 25. Januar sowie am 5. und 9. Februar.

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Von Stefan Arndt

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