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Nachrichten Kultur Region Nora Gomringer und Philipp Scholz präsentieren Texte von Dorothy Parker
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01:15 01.04.2019
Knallig, wie stets: Lyrikerin Nora Gomringer und Musiker Philipp Scholz im Literaturhaus. Quelle: Foto: Moritz Frankenberg
Hannover

Noch bevor die Künstler sitzen, wird klar, dass keinesfalls eine herkömmliche Lesung bevorsteht. Nora Gomringer und Philipp Scholz bleiben auf der Stufe zum Bühnenpodest im Literaturhaus stehen, um einen ersten Text von Dorothy Parker zu rezitieren, um die es im Programm „Peng Peng Parker“ gehen wird. Sie inszenieren „Ein sehr kurzes Lied“ als Abklatschreim, den strengen Rhythmus der Worte in den Vordergrund rückend. Als sie dann sitzen, Gomringer hinter einem Tischchen, Scholz am Schlagzeug, reichen sie die englische Originalversion nach.

In der Gegenüberstellung verdeutlichen sie gleich einen weiteren prägenden Aspekt des Abends: Die Übersetzungen von Parkers Gedichten, die Ulrich Blumenbach in seinem 2017 erschienenen Buch „Denn mein Herz ist frisch gebrochen“ präsentiert, halten sich ebenso wenig zurück wie deren Performer. Aus der Zeile „Love is but a curse“ wird so: „Liebe ist ein Griff ins Klo“. Dass sie es gern knallig mögen, haben Gomringer und Scholz bereits in ihrem ersten Projekt „Peng Peng Peng“ mit Texten unterschiedlichster Herkunft gezeigt.

Nun fügen sie ihrem Peng die legendäre Autorin Parker hinzu. Es ist ein Trio mit Sprengkraft. Gomringer bringt Erfahrungen als Lyrikerin, Sängerin und Poetry Slammerin mit. Mit ihrem Text „Recherche“ gewann sie 2015 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Scholz ist ein junger, mehrfach preisgekrönter Jazzschlagzeuger. Über allem schwebt Parker als Mythos aus dem New York der Zwanziger- und Dreißigerjahre, als scharfzüngige Theater- und Literaturkritikerin, Autorin und als Gesellschaftsphänomen.

Sie schrieb für Vogue, Vanity Fair und New Yorker, engagierte sich für Gleichberechtigung und gegen Rassismus und wurde zum Opfer von Senator Joseph McCarthys Kommunistenjagd. Frühe Berühmtheit erlangte sie durch den von ihr im Jahr 1919 ins Leben gerufenen literarischen Zirkel im Algoquin Hotel, in dem sie ihren Sarkasmus zu schärfen pflegte. Gomringer und Scholz haben vor allem Parkers pointierte, oft lakonisch-böse Liebeslyrik für die Bühne bearbeitet, für Schlagzeug und Stimme.

Sie halten sich dabei an die englischen Originale und Blumenbachs spektakuläre Übersetzungen zugleich, fügen die Sprachen aneinander, lassen sie sich durchdringen und gegeneinander prallen. So entsteht oft ein neuer Text, verschlungen und ein wenig geheimnisvoll. Blumenbachs deutsche Versionen sind satt und krawallig, kongenial in lauten Passagen, etwas plakativ in den behutsameren. Sie sind selbstbewusst und manchmal großmäulig. Vermutlich hätten sie Parker gefallen.

Deren Gedichte heißen oft „Gesang“ oder „Lied“ und Gomringer nimmt das wörtlich, wechselt leichtfüßig zwischen Rezitation, Gesang und diversen Zwischenformen. Manchmal lösen sich dabei einzelne Worte und Zeilen heraus, lassen den Textzusammenhang vergessen. Dann stehen Tonfall und Haltung im Mittelpunkt, Überforderung und Überwältigung, Verve und Leidenschaft. Das Programm ist Hommage an Parker, Interpretation und Beschwörung ihres Temperaments.

Scholz treibt dazu am Schlagzeug die Worte voran, atemlos, subtil, stolpernd und wippend. Seine Kompositionen sind oft vertrackter als die Texte, verspielt und verspult zugleich. Dass er dabei unangekündigt vom Jazzpianisten Philip Frischkorn unterstützt wird, ebenfalls jung, preisgekrönt und an der Musikhochschule Leipzig ausgebildet, ist ein großer Gewinn. Frischkorn bringt Ruhe und Substanz mit, gemeinsam lassen sich beide immer wieder in der Musik treiben. „Jeder Abend mit diesen Herren ist anders, das ist sehr schön“, sagt Gomringer, aufrichtig erfreut.

Das Programm bewegt sich ungreifbar zwischen Lesung, Konzert und Performance, aber stets auf hohem Niveau. Dabei wird spürbar, dass Gomringer selbst schreibt. Als Autorin zeigt sie ihre kreative Lust an Persönlichkeit und Werk einer anderen. Zurückhaltung wäre in diesem Fall kaum angebracht.

Am Donnerstag, 11. April, um 19.30 Uhr diskutiert Feridun Zaimoglu sein neues Buch „Die Geschichte der Frau“ mit dem Geschlechterforscher Rolf Pohl.

Von Thomas Kaestle

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