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Oper im Maschpark: Dirigentin Keri-Lynn Wilson: „Ich möchte, dass 20.000 Leute weinen“

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15:58 26.06.2019
„Die Energie des Publikums gibt den Aufführungen einen magischen Aspekt“: Keri-Lynn Wilson. Quelle: Susanne Diesner
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Hannover

Die kanadische Dirigentin Keri-Lynn Wilson ist Hannovers Spezialistin für Open-Air-Opern. Nach einer Pause im vergangenem Jahr kehrt sie nun wieder ans Pult der NDR Radiophilharmonie zurück und dirigiert am 11. und 13. Juli die Opern „Cavalleria rusticana“ und „Der Bajazzo“ im Maschpark.

Frau Wilson, Sie dirigieren im Juli zum vierten Mal beim NDR Klassik Open Air. Worin unterscheidet sich eine Aufführung unter freiem Himmel von einer Vorstellung im Opernhaus?

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Für mich als Dirigentin gibt es ein ganz praktisches Problem: Die Sänger stehen hinter mir. In einem normalen Opernhaus hat man alle Akteure auf der Bühne direkt vor sich. Hier muss ich immer erst Gymnastik machen, um die Sänger richtig zu sehen. Eigentlich ist es sogar eher wie beim Baseball, wo der Ball aus verschiedenen Richtungen kommen kann: Ich weiß zwar ungefähr, wo die Sänger stehen, aber bei solchen halbszenischen Aufführungen machen sie auch viele Dinge spontan und wechseln zum Beispiel plötzlich die Seite.

Welchen Einfluss hat das Wetter?

Wenn es regnet, ist zumindest das Orchester geschützt – fürs Publikum ist das natürlich weniger schön, aber gut: The show must go on. Unterbrochen wird ja nur bei Gewitter. Die Herausforderung ist vor allem der Wind. Manchmal beginnt die Musik zu fliegen, und in der Partitur werden 70 Seiten auf einmal umgeblättert. Man muss hier wirklich die gesamte Oper auswendig parat haben.

Spüren Sie auf der Bühne, dass Sie im Maschpark wesentlich mehr Zuhörer haben als in einem Opernhaus?

Natürlich, das Beste an einer Open-Air-Aufführung ist ja gerade das besondere Gefühl von Gemeinschaft, das dabei entsteht. Wenn 20.000 Menschen aus Hannover zusammenkommen, um eine Oper zu hören, ist das auch für uns Musiker etwas Ungewöhnliches. Aber es gibt noch einen wichtigeren Aspekt: In einer Repertoirevorstellung haben die meisten Zuschauer ein Stück schon öfter gesehen – hier ist das anders: Viele hören das Stück zum ersten Mal, das Publikum ist sehr frisch. Darum will ich die Musik hier so schön wie irgend möglich zum Klingen zu bringen. Die Energie des Publikums gibt den Aufführungen einen fast schon einen magischen Aspekt. Wenn dann auch noch der Mond scheint ... wunderbar!

Was unterscheidet die aktuellen Stücke „Cavalleria rusticana“ und den „Bajazzo“, von den Opern, die Sie bisher im Maschpark dirigiert haben?

Bei Verdi-Opern wie „La traviata“ und „Rigoletto“ muss man stark auf die Stilistik des Komponisten fokussiert sein. Bei den diesjährigen Stücken ist die Musik auf eine etwas direktere Weise dramatisch und gefühlvoll. Nehmen wir zum Beispiel die letzte große Tenorarie aus dem „Bajazzo“: Ich glaube, man versteht die Tragik darin auch, wenn man das Stück zum ersten Mal hört. Ich möchte, dass danach 20.000 Leute weinen – weil es tragisch ist, aber auch wunderschön!

Wenn Sie die Wahl hätten: Welche Stücke würden Sie an diesem speziellen Ort noch gerne aufführen?

Ich denke, es wäre schön, hier mal etwas auf deutsch zu machen – ein kurzer Wagner vielleicht.

Ein kurzer Wagner?

Na ja, wenn man den „Fliegenden Holländer“ ohne Pause spielt, dann geht das schon. Oder etwas von Strauss: „Salome“ wäre hier doch sicher eine sehr gute Sache.

Durch die aufgestellten Leinwände kann das Publikum Sie sehr genau beim Dirigieren beobachten. Sehr oft singen sie mit. Warum?

Ich singe natürlich nicht wirklich, ich bewege nur die Lippen zum Text. Das ist meiner Meinung nach die beste Möglichkeit, um Teil des Gesangs zu werden. Ich weiß dann, wann ein Sänger Luft holen muss und solche Dinge. Bei der Oper geht es nun einmal vor allem um Text. Ich muss ihn verstehen, egal, in welcher Sprache er verfasst ist. Wenn es „Eugen Onegin“ ist, muss ich eben Russisch lernen. Der Komponist hat jedes Wort sehr bewusst in Töne gesetzt, das muss man möglichst ins letzte Detail verstehen. Darum sehe ich mir auch zuerst nur das Libretto an – die Partitur kommt erst danach.

Zur Person

Keri-Lynn Wilson ist 1967 im kanadischen Winnipeg geboren und hat in New York studiert. Bei den Salzburger Festspielen war sie Assistentin von Claudio Abbado, bevor sie noch während des Studiums ein Engagement beim Dallas Symphony Orchestra erhielt. Inzwischen dirigiert sie auf der ganzen Welt, unter anderem in der Arena von Verona und beim Puccini-Festival in Torre del Lago. Wilson ist mit Peter Gelb verheiratet, dem Intendanten der New Yorker Metropolitan Opera. In Hannover hat sie die Aufführungen von „La Bohéme“, „La traviata“ und „Rigoletto“ beim NDR Klassik Open Air geleitet. Am Donnerstag, 11. Juli, und Sonnabend, 13. Juli, dirigiert sie die Vorstellungen der beiden Kurzopern „Cavallaria rusicana“ und „Der Bajazzo“ im Maschpark. Die Vorstellungen beginnen jeweils um 20.30 Uhr. Es gibt noch Karten für die Plätze vor der Bühne in den HAZ-Ticketshops. Im Maschpark hinter der Bühne kann man die Vorstellungen umsonst als Zaungast erleben.

Von Stefan Arndt