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Region „Fausts Verdammnis“ an der Staatsoper Hannover
Nachrichten Kultur Region „Fausts Verdammnis“ an der Staatsoper Hannover
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00:15 20.02.2019
Hoch im Kurs: Faust (Eric Laporte, vorn) im Rausch des Geschäftserfolgs. Quelle: Jörg Landsberg
Hannover

Die Sehnsucht endet nie. Was zählen schon Glaube, Liebe, Hoffnung, wenn selbst Höllensturz und Himmelfahrt sie nicht stillen können? So sitzt am Ende dieser neuen Version von „Fausts Verdammnis“ an der Staatsoper Hannover wieder ein einsamer Mann am Schreibtisch und spricht endlich aus, was den ganzen Abend nur als Anklang zu ahnen war: „Hör’ ich das Liedchen klingen, das einst die Liebste sang, so will mir das Herz zerspringen vor wildem Schmerzensdrang.“

Robert Schumanns melancholische Vertonung der Heinrich-Heine-Verse führt am Schluss von Marie-Ève Signeyroles Inszenierung der Oper von Hector Berlioz wieder zurück zu ihrem Anfang: Das lässt schon ahnen, wie verschlungen die Wege sind, auf denen die alte Faust-Geschichte hier neu auf die Bühne findet. Die französische Regisseurin schmilzt den urdeutschen Mythos erst ein, bevor sie ihn wieder in Form gießt.

Marie-Ève Signeyrole inszeniert „Fausts Verdammnis in Hannover

Das hat vor ihr auch schon ihr Landsmann, der Heine-Zeitgenosse Hector Berlioz, getan: „La damnation de Faust“ ist keine Oper im herkömmlichen Sinne und erst recht keine Vertonung des Goethe-Dramas, auf das sie sich bezieht. Der Komponist hat die eher lose gefügte Szenenfolge „dramatische Legende“ genannt, was ihren Weg ins Repertoire der europäischen Opernhäuser nicht gerade erleichtert hat.

Burn-out an der Börse

Signeyrole spannt die einzelnen Szenen nun unter einen großen tiefenpsychologischen Bogen. Faust ist bei ihr ein Börsenmakler mit Burn-out: Nach der Party auf dem Parkett folgt der große Kater. Heraus hilft ihm dabei Méphistophélès, der ihn – eher dienstbarer Doppelgänger als selbstständiger Teufel – in die Abgründe des eigenen Unterbewusstseins und damit auch zur schönen Marguerite führt. Die Regisseurin schärft nicht etwa die Beziehungen zwischen Faust, Méphistophélès und Marguerite – sie verwischt vielmehr die Grenzen zwischen den Figuren.

Da überrascht es kaum, wenn nicht Marguerite, wie im Libretto vorgesehen, ihre Mutter vergiftet, sondern Faust eine alte Frau erschießt, die wohl eher seine Mutter ist. Mein und dein spielt hier keine Rolle mehr: Spätestens am Ende, wenn Méphistophélès allein zurückgeblieben Schumann singt, versteht man, dass auch dieser arme Teufel nur ein Alter Ego des Titelhelden ist. Doch ist das Böse noch böse, wenn es im eigenen Inneren wohnt? Und was bleibt in der Selbstliebe von der Liebe? Die Dinge sind kompliziert.

Eine Bühne voller Symbole

Vielleicht strotzt deshalb die von Fabien Teigné elegant gestaltete Bühne mit ihren verschiebbaren Ebenen und Videoprojektionen von Hochhäusern, Herzfrequenzen und Börsenkursen nur so von Symbolen: Es gibt weiße Lilien, tote Raben, einen Faun und schließlich einen ganzen Dschungel, der die vordem so cleanen Büroräume wie Schimmel überwuchert. Das alles jederzeit im Blick zu halten ist als Zuschauer durchaus eine Herausforderung. Himmel und Hölle braucht Signeyrole dafür am Ende nicht mehr zu bemühen: Fausts titelgebende Verdammnis ist hier ein entspannter Vorgang, der eher der Erlösung gleicht, die Marguerite zumindest optisch vorenthalten wird.

Letzte Premiere für Repusic

Aus dem Orchestergraben tönt die Himmelfahrt dafür umso beeindruckender: In seiner letzten Premiere als Generalmusikdirektor in Hannover verwandelt Ivan Repusic den Schluss des Stückes in einen frühen Feuerzauber. Ansonsten legt der Dirigent höchsten Wert auf Zurückhaltung. Er lässt die Musiker des Staatsorchesters, die auch solistisch etwa an Bratsche und Englischhorn glänzen, die reichen Klangfarben der Partitur sehr sorgfältig und kammermusikalisch auf Hochglanz polieren. Die Möglichkeit zur Überwältigung, die immer auch in dieser Musik steckt, spart er sich bis zum Finale auf.

So gibt es viel Raum für die Sänger, den Monika Walerowicz als Marguerite am besten zu nutzen weiß: Berlioz hat ihre vergleichsweise kleine Partie mit zwei wunderbaren Arien allerdings auch fabelhaft ausgeschmückt. Eric Laporte – zuletzt als „Freischütz“-Max in Hannover zu Gast – kann als Faust seinen warm leuchtenden Tenor zumeist schön frei entfalten, Shavleg Armasi tönt als Méphistophélès dagegen manchmal etwas angestrengt.

Die heimliche Hauptrolle dieses Musiktheaters hat ohnehin der Chor, den Lorenzo Da Rio sicher einstudiert hat. Trotz der raffinierten Choreografien (von Julie Compans) und der Distanz, die oft zwischen Sängern und Orchester liegt, klappt das heikle Zusammenspiel zumeist sehr gut. Viel Applaus für alle Beteiligten.

Nächste Vorstellungen sind am 19. und 22. Februar sowie am 3., 16., 24. und 31. März.

Von Stefan Arndt

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