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Region Kirill Serebrennikow inszeniert Verdis „Nabucco“ in Hamburg
Nachrichten Kultur Region Kirill Serebrennikow inszeniert Verdis „Nabucco“ in Hamburg
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00:16 14.03.2019
Eine alte Geschichte mit hoher Aktualität: Verdis Flüchtlingsoper „Nabucco“ in Hamburg. Quelle: Christian Charisius/dpa
Hamburg

Wie inszeniert ein gefangener Regisseur den Gefangenenchor? Das ist jetzt an der Staatsoper Hamburg zu besichtigen. Am Sonntag hatte dort Giuseppe VerdisNabucco“ in der Version von Kirill Serebrennikow Premiere. Der russische Regisseur steht in Moskau unter Hausarrest – und hat von dort aus seine Inszenierung von Verdis Oper ausgearbeitet. Trotz einiger Unmutsrufe während der Aufführung wurde der mit Spannung erwartete Abend am Ende vom Publikum einhellig gefeiert.

Verdis „Nabucco“ an der Staatsoper Hamburg

Serebrennikow, der auch Bühne und Kostüme der Aufführung entworfen hat, verlegt die Handlung aus dem biblischen Babylonien in die Gegenwart: Der Konflikt zwischen Hebräern und aggressiven wird bei ihm auch im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ausgetragen. Die mythischen Opernfiguren sind hier moderne Politikern, die ihre flammenden Arien im Anzug am Rednerpult eher halten als singen.

Die privaten Aspekte der Handlung – eine verbotene Liebe, eine verstoßene, rachsüchtige Tochter, ein kranker Patriarch – werden in den Hinterzimmern des Parlaments verhandelt. Dabei gelingt es dem Regisseur, der komplizierten Geschichte Stringenz und Logik zu verleihen. Der Tranfer in die Moderne ist dabei oft erstaunlich einfach: Nabucco etwa wird hier nicht vom Blitz getroffen – er erleidet einen Herzinfarkt. Mithilfe von digitalen Nachrichtenbändern an den Wänden erklärt und kommentiert Serebrennikow zusätzlich das Geschehen: Er übersetzt das gemächliche Opernlibretto in eine hektische Nachrichtenwelt.

Im Laufe des Abends verdeutlicht der Regisseur immer stärker, dass „Nabucco“ von Flüchtlingen erzählt: „Das sind sie“ steht auf einer Leinwand über der Bühne, während der Chor im Hintergrund den Gefangenenchor anstimmt – dann sieht man Fotos des russischen Kriegsfotografen Sergey Ponomarev, die in Nahaufnahmen traumatisierte syrische Flüchtlinge zeigen, darunter viele Kinder. Später wird der Chor sogar noch einmal wiederholt: Dann singen Flüchtlinge, die inzwischen im Hamburg leben, die berühmte Melodie.

Ausgelagerte Wirkung

Verdis Musik kann sich gegen diesen Einbruch der Gegenwart nicht immer behaupten. Dirigent Paolo Carignani hat mit seiner eleganten, oft etwas melancholischen Sichtweise keinen leichten Stand. Dass diese Musik auch brennenden Leidensdruck verströmen kann, ist in Hamburg jedenfalls kaum zu hören. Selbst der an sich gut einstudierte Chor klingt so in dieser großen Choroper meist zu blass. Und die Sänger müssen sich vor allem als Schauspieler behaupten. Dimitri Platanias gelingt es in der Titelrolle noch am besten, die Darstellung mit seinem charakteristischen, ausdrucksvollen Bariton zu bereichern. Oksana Dyka tönt als Abigaille über die verschiedenen Register nicht ganz so ausgeglichen, wie man es sich von dieser Partie wünscht, aber Ausgeglichenheit ist auch kein Merkmal, dass man hier mit dieser durch Enttäuschung unerbittlich gewordenen Machtfrau verbindet.

Oft wirkt es ohnehin, als habe Regisseur Serebrennikow die Emotionen der Oper ausgelagert: Viel mehr als von Verdis Musik lebt der Abend von den beklemmenden Bildern aus Syrien, die immer wieder auch in Interludien zwischen den Szenen zu sehen sind, die Abed Harsony mit der Oud und arabischen Liedern begleitet. Für Hamburgs Opernintendanten Georges Delnon ist es „überlebenswichtig“, dass Oper mit der Gegenwart zu tun hat. Das zumindest wurde hier eingelöst.

Je schonungsloser die Fotos des Flüchtlingselends auf der Bühne werden, je mehr Blut, Leichen und hoffnungslos verwaiste Städte zu sehen sind, desto größer wird der Unmut bei einigen Zuschauern, die sich zu Zwischenrufen wie „Aufhören“ und „Nicht schon wieder“ hinreißen lassen. Im Schlussapplaus ist davon aber nichts mehr zu spüren: Er ist gewaltig, auch als das Regieteam, das Serebrennikows Konzept in Hamburg umgesetzt hat, mit einem „Free Kirill“-Banner auf die Bühne tritt.

Ein verfolgter Künstler

Serebrennikow selbst, der bereits vor seinem Hausarrest für die Aufgabe in Hamburg engagiert worden war, fehlte bei der Premiere ebenso wie bei der gesamten Probenarbeit. Er darf seine 32-Quadratmeter-Wohnung seit 2017 nicht mehr verlassen. Er kommuniziert über Videobotschaften. Dieses Prinzip hat er bereits bei Regiearbeiten in Zürich und Stuttgart erprobt. Für die Zusammenarbeit mit der Staatsoper Hamburg hat Co-Regisseur Evgeny Kulagin zwischen Serebrennikow und dem Ensemble vermittelt.

Die Ermittlungsbehörden werfen Serebrennikow vor, Fördergelder in Millionenhöhe veruntreut zu haben. Er habe Mittel für eine Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ vereinnahmt, die Produktion aber nie umgesetzt. Tatsächlich ist diese Inszenierung aber mehrfach im In- und Ausland gezeigt worden. Seit dem 7. November 2018 steht er in Moskau vor Gericht.

Alle weiteren Aufführungen in dieser Spielzeit sind bereits ausverkauft. Die Staatsoper Hamburg hat deshalb die Termine im Sptember und Oktober bereits veröffentlicht und in den Vorverkauf gegeben.

Von Stefan Arndt

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