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Opernprojekt: Staatsoper bringt in „Unterwelt“ 75 Jugendlichen auf die Bühne

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00:18 08.06.2019
„Wir wollen etwas auf die Bühne bringen, das mit den Jugendlichen zu tun hat“: Choreografin Bettina Stieler bei der Probe.
„Wir wollen etwas auf die Bühne bringen, das mit den Jugendlichen zu tun hat“: Choreografin Bettina Stieler bei der Probe. Quelle: Katrin Kutter
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Diese Stimme duldet keinen Widerspruch: „Wer jetzt noch ein Kaugummi drin hat – raus damit!“ Doch beim bloßen Kommando lässt es Bettina Stieler nicht bewenden. „Nicht, dass sich jemand verschluckt und tot umfällt“, schiebt sie hinterher, und tatsächlich würgt ein gutes Dutzend Jugendlicher daraufhin schnell noch das Kaugummi herunter oder wirft es in den Papierkorb. Bislang konnte man bei der Probe offenbar gelassen darauf herumkauen. Jetzt aber wird es anstrengend. Gut 50 Jugendliche im Alter von elf bis 21 Jahren laufen durch den Saal im Haus der Jugend, werfen sich auf den Boden, drehen sich, erstarren mitten in der Bewegung und laufen in die andere Richtung. Eine schweißtreibende Angelegenheit an diesem heißen Nachmittag, aber alle sind mit vollem Einsatz dabei. Konzentriert folgen die Jugendlichen den Anweisungen von Choreografin Stieler auch dann, wenn es nicht um Kaugummis geht.

Jugendliche proben für das Stück „Unterwelt“ an der Staatsoper

Die Gruppe probt für einen großen Auftritt in der Staatsoper. Dort hat zum Abschluss der Spielzeit „Unterwelt“ Premiere, eine „partizipative App-Oper auf Grundlage des Orpheus-Mythos“. Beteiligt sind neben insgesamt rund 75 Jugendlichen auch das Niedersächsische Staatsorchester, Sänger des Opernensembles, zwei Regisseure, ein Dirigent, eine Choreografin und eine Menge Menschen, die all das hinter den Kulissen organisieren und zusammenbringen. Kein Wunder, dass die Staatsoper das nicht allein bewältigen kann: Sie kooperiert dabei mit dem Musikzentrum und der Stadt.

Von der Rap- zur App-Oper

2008 war ein solches Riesenprojekt mit Jugendlichen ein erstaunlicher Erfolg. Damals hat man mit „Culture Clash: Die Entführung“ eine fabelhafte „Rap-Oper“ auf die Bühne gebracht. Nun – zum Ende der Intendanz von Michael Klügl – legt man mit einer zukunftsweisenden „App-Oper“ nach.

Die Apps sind in diesem Fall kleine Programme für Handys und Tablets, mit denen man ohne jede Vorkenntnisse Musik machen kann: die Blockflöten der Gegenwart. Teile der Musik, die in dieser besonderen Opernproduktion zu hören ist, sind so entstanden. Anderes stammt vom frühklassischen Opernreformator Christoph Willibald Gluck und zwei zeitgenössische Komponisten.

Bloß nicht den Hamlet spielen

Konzipiert haben das Projekt die beiden Regisseure Martin G. Berger, der an der Staatsoper unter anderem schon „Die Fledermaus“ und „Die verkaufte Braut“ inszeniert hat, und sein Schweizer Kollege Jonas Egloff, der nach seiner Zeit als Musiktheaterpädagoge in Hannover in Aarau eine Bühne leitet, die sich auf professionelles Theater mit Laien spezialisiert hat.

Das klingt paradox: Wie bringt man professionelles Theater und Laien, hier sogar Jugendliche, zusammen? „Wenn ein Jugendlicher etwas spielt, das mit ihm zu tun hat, sehen wir eine souveräne Spielweise, die auch etwas Neues auf die Bühne bringen kann“, sagt Egloff. Und Berger ergänzt: „Wir wollen nicht zeigen, was die Jugendlichen nicht können – zum Beispiel den Hamlet spielen –, sie sollen vielmehr mitbringen, was sie haben.“

Jugendliche entwickeln den Text der Oper

Darum haben die Regisseure das Opernlibretto aus Gesprächen mit den Jugendlichen entwickelt. Sie haben den Orpheus-Mythos, nach dem Orpheus in die Unterwelt hinabsteigt, um seine gestorbene Frau wieder in die Welt der Lebenden zu holen, auf die Frage reduziert, was die Jugendlichen vermissen und gerne wiedergewinnen möchten. „Die Antworten waren so verschieden wie die Jugendlichen, mit denen wir arbeiten“, sagt Berger. Einige sind Schüler, die schon seit Jahren am pädagogischen Angebot des Staatstheaters teilnehmen, andere sind erst seit Kurzem in Deutschland, weil sie vielleicht aus ihrer Heimat geflohen sind. „Es gab tragische Geschichte wie die Sehnsucht nach einer verstorbenen Freundin und eher Banales wie der Ärger über das kaputte WLAN.“ Unterschiedlich bewertet habe man das aber nicht, sagt der Regisseur.

Neue Möglichkeiten für Narwres

Dem 20-jährigen Narwres Albozyad sind solche Geschichten ohnehin weniger wichtig. Er ist vor allem begeistert von den Möglichkeiten, mit Apps Musik zu machen. „Ich würde gern alles rappen“, sagt er – und freut sich über die Hilfe, die er hier dabei bekommt. Und weil er auch gern tanzt, ist das Projekt für ihn genau das richtige.

Wie die Geschichte ausgeht – im Mythos bekanntlich tragisch – will Regisseur Berger noch nicht verraten. Und eine Vorstellung, wie all die unterschiedlichen Gruppen schließlich in der Produktion zusammenpassen, wird man wohl erst bei der Premiere bekommen. Berger und Egloff sind zuversichtlich, dass alles funktioniert. Die Erfahrungen mit der Rap-Oper lassen schließlich auch für die App-Oper Großes erhoffen.

„Unterwelt“ hat am 29. Juni an der Staatsoper Premiere, weitere Vorstellungen sind am 1. und 2. Juli.

Lesen Sie weiter:

Martin G. Berger inszeniert an der Staatsoper „Die Fledermaus“ und „Die verkaufte Braut“.

Von Stefan Arndt