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„Orlando“ von Virginia Woolf: Corinna Harfouch begeistert Zuschauer in Hannover

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10:30 26.10.2019
Pause nach der ersten Etappe: Corinna Harfouch in „Orlando“ nach dem Roman von Virginia Woolf. Quelle: Kerstin Schomburg
Hannover

Ab und zu geht die Autorin ins Grundsätzliche. „Was ist Liebe?“ fragt Virginia Woolf in ihrem 1928 erschienenen Roman „Orlando“ und: „Was ist Freundschaft?“ und: „Was ist Treue?“

Corinna Harfouch, die den Roman fast im Alleingang auf die große Bühne des Schauspielhauses bringt, stellt die Fragen dem Publikum. Mit den Pausen an den richtigen Stellen, mit grandioser Stimmreduzierung, die noch längst kein Flüstern ist, aber wie ein Flüstern wirkt, mit etwas, was nur große Schauspieler beherrschen: kunstvoller Natürlichkeit. Und weil sie das Publikum ganz am Haken ihre Spiels haben will, wiederholt sie Frage nach der Liebe noch einmal ganz leise und spricht dabei einen Zuschauer in der ersten Reihe direkt an: „Was ist Liebe, mein Herr?“

Er weiß es natürlich nicht. Und wir wissen es am Ende des anderthalbstündigen Harfouch-Abends auch nicht. Aber das macht nichts. Wir haben starkes Theater einer starken Schauspielerin gesehen und uns an einen wichtigen Roman erinnert. Warum Virginia Woolfs „Orlando“ heute unbedingt gespielt werden sollte, was diese kuriose, barock aufgefächerte Geschichte eines britischen Adligen, der durch die Jahrhunderte reist und dabei vom Mann zur Frau wird, zu heutigen Fragen von Gendersternchen, Geschlechtergerechtigkeit und sexueller Identität zu sagen hat , wird in der Inszenierung von Regisseurin Lily Sykes nicht recht deutlich. Egal. Im Mittelpunkt steht das Spiel von Corinna Harfouch und ihrem Sidekick Oscar Olivo. Und das ist stark.

Mit bewundernswerter Lässigkeit

Die Harfouch tritt in olivgrüner Dreiviertelhose mit olivgrünem Jäckchen auf (Kostüme: Jelena Miletic). Das ist die passende Kleidung für eine, die ein Textgebirge zu bezwingen hat. Der Aufstieg gelingt ihr mit bewundernswerter Lässigkeit. Mit wenigen Handbewegungen dirigiert sie den Textstrom. Sie spricht ruhig, untheatralisch. Sie ist immer und in allem so unglaublich sicher. Und diese Sicherheit ist nicht träge oder satt oder arrogant, sondern ... selbstverständlich. Alles an ihrem Spiel ist reduziert, cool, aber nicht kalt.

Fürs Bunte und Übertriebene ist Oscar Olivo Da. Er tänzelt und schwarwenzelt um das kühle Zentrum herum. Ab und zu legt sich Corinna Harfouch ein Stoffstück um den Hals, dann ist sie eine andere oder ein anderer. Das ist gutes Clownstheater: Man arbeitet, mit dem, was da ist. Und man kann alles in etwas anders verwandeln: Eine weiße Stoffbahn wird Schnee, wird ein Manuskript, wird ein Baby. Ganz einfach. Ganz natürlich.

Im Video: Der Trailer zum Stück „Orlando“

Der Roman bleibt Nebensache

Und: Ganz Spiel. Im Mittelpunkt der Inszenierung steht die Frage, wie sie das macht, nicht, warum sie das macht. Der Roman bleibt Nebensache, Corinna Harfouch steht im Scheinwerferkegel, nicht Virgina Woolf. Wir beobachten, wie die Harfouch mit bewundernswerter Eleganz das Textgebirge bezwingt. Am Ende sehen wir sie auf dem Gipfel. Aber wir selber sind nicht dort.

Den meisten Zuschauern hat das gereicht: Begeisterter Applaus (am Ende haben sich die meisten Besucher sogar von ihren Sitzen erhoben), den der Star glühend und mit fast kindlich anmutender Freude entgegennimmt.

Weitere Vorstellungen am 27. und 30. Oktober sowie am 2. November.

Von Ronald Meyer-Arlt

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