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Region Kriminalbiologe Mark Benecke spricht über Tatorte und Weltbilder
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13:16 05.05.2019
„Ich bin für die Wahrheit zuständig, nicht für Gerechtigkeit“: Dr. Mark Benecke im Pavillon. Quelle: Irving Villegas
Hannover

Vor seinem seit langer Zeit ausverkauften Vortrag über „Insekten auf Leichen“ im Pavillon nimmt sich der Kriminalbiologe Mark Benecke Zeit für Fans: Er tauscht Fliegenbilder, macht coole Fotos mit promovierten Psychologinnen und tätowiert zwei Hartgesottenen seine Unterschrift auf den Arm. Danach bleibt er zwar im Saal, will aber nicht mehr gestört werden. Als der Techniker die Musik leiser dreht, beklagt sich Benecke: „Nichts verändern bitte!“ Also singt Leonhard Cohen weiter in voller Lautstärke von zwischenweltlichen Erfahrungen und einer Rückkehr ins Leben: „When The Night Comes On“.

Tatoos und Insekten: Forensiker Mark Benecke in Hannover

Jeder Auftritt ist individuell, die Geschichten greifen mit immer anderen Details ineinander und als Einführung demonstriert der Forensiker seinen 650 Gästen an Fotos, was sich auf seinem Weg vom Bahnhof zum Veranstaltungsort über Wahrnehmung lernen lässt – wie oft Unwahrscheinliches vorkommt, wie wichtig Einzelfälle sind, wann ein Detail von Bedeutung sein kann und wann das große Ganze. „Wir Spurenkundler bilden eine ganz kleine Forschungsdisziplin“, sagt Benecke und benennt mehrfach das Wesentliche beim Sammeln gerichtsfester Daten: „Wir dürfen uns nicht von Denken, Meinen, Glauben oder Statistik abhängig machen.“

Es gehe nicht um Schlussfolgerungen: „Mord ist ein Rechtsbegriff, das kann nur ein Jurist beurteilen.“ Und schließlich gebe es genug wahre, korrekte und vernünftige Ergebnisse, die ohne den richtigen Kontext dennoch zu falschen Annahmen führten. Niemand könne alles schon wissen und kennen, das sei kein Kriterium: „Ich war noch nie in Neuseeland, das gibt es aber trotzdem.“ Benecke zitiert Sherlock Holmes als Kronzeugen: „Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag“

Wissenschaft und Popkultur

Dem Ausnahmewissenschaftler geht es in seinem zweieinhalbstündigen, dichten, assoziativen Vortrag keinesfalls nur um unterhaltsame Geschichten. Er plädiert vielmehr leidenschaftlich für bedingungslose Unvoreingenommenheit gegenüber Fakten. Benecke vereint Wissenschaft und Popkultur wie kaum ein anderer. Nach seiner Promotion über genetische Fingerabdrücke ließ er sich in den USA unter anderem an der FBI-Akademie weiterbilden. Er ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger, trägt die silberne Ehrennadel des Bunds deutscher Kriminalbeamter und war bei seiner Ernennung eines der jüngsten Mitglieder der altehrwürdigen Linné-Gesellschaft für Naturwissenschaften in London.

Benecke untersuchte für den russischen Geheimdienst Adolf Hitlers mutmaßliche Schädeldecke und für den Kapuziner-Orden die Mumien unter dessen Kloster in Palermo. Aber er ist seinem Publikum eben auch als Gastkommentator aus Fernsehserien wie „Medical Detectives“ bekannt, veröffentlichte zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher, ist Präsident der Transylvanian Society of Dracula und Vorsitzender des Vereins ProTattoo. Als Kölner Oberbürgermeisterkandidat erlangte er für die Satirepartei Die Partei immerhin über sieben Prozent der Stimmen. Für die kommende Europawahl kandidiert er auf Listenplatz 25.

Maden als Stoppuhren

Wie ernst Benecke seinen Vortrag meint, zeigt er auch mit der Ankündigung, Rettungs- oder Pflegekräften für den Besuch drei Stunden in ihrem Fortbildungsheft zu bescheinigen. „Wenn Sie im Altersheim arbeiten, schreiben Sie aber besser nichts von Insekten auf Leichen“, schränkt er lächelnd ein. Es ist ihm auch wichtig, mit Fernsehklischees aufzuräumen: „Spurenkundler springen nicht aus Helikoptern.“ Er hebe auch keine weißen Tücher in der Rechtsmedizin hoch. Vielmehr sei er vor allem auf Spuren vor Ort angewiesen. Spezialisiert ist er auf Maden. Er nennt sie seine „Stoppuhren“, da sie viel über Liegezeiten von Leichen verraten können.

„Wir legen nur das Fundament für andere, wir lösen keine Fälle“, gibt sich Benecke einerseits bescheiden. Andererseits sagt er selbstbewusst: „Ich bin eben nur für die Wahrheit zuständig, nicht für Gerechtigkeit.“ Dass diese Wahrheit niemals gut oder böse sein könne, sondern zunächst immer neutral sei, sei für die meisten schwer auszuhalten. Er übe seinen Beruf vor allem deshalb schon so lange aus, weil für ihn nur eines zähle: „Ich habe es gemessen – oder ich habe es nicht gemessen.“

Am Mittwoch, 8. Mai, um 19 Uhr spricht der Soziologe Harald Welzer im Pavillon über alternative Wege.

Von Thomas Kaestle

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