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Premiere: Aribert Reimanns jüngste Oper „L’Invisible“ in Braunschweig

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15:07 31.05.2019
Familienaufstellung: Szene aus „L’Invisible“ von Aribert Reimann in der Inszenierung von Tatjana Gürbaca in Braunschweig. Quelle: Thomas M. Jauk
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Braunschweig

„Die wahren Helden unseres Musiktheaters“, so verkündete in der vergangenen Woche der Berliner „Tagesspiegel“, „sind die Nachspieler und Wiederaufnehmer.“ Da hatte die Hauptstadt gerade eine Fülle von Opernuraufführungen hinter sich gebracht, unter anderem neue Werke von Detlev Glanert und Beat Furrer, und der Verdacht mag sich aufgedrängt haben, diese neue Produktivität könne sich als wenig nachhaltig erweisen.

Ein Spielplan jenseits des Repertoires

Dem setzt nun das Staatstheater Braunschweig als heldenhafter Nachspieler die zweite Produktion einer vor zwei Jahren in Berlin uraufgeführten Oper entgegen: „L’Invisible“ von Aribert Reimann. Der 83-jährige Komponist ist zwar einer der wenigen seiner Generation, der ohnehin vergleichsweise viel gespielt wird – trotzdem sind auch seine Werke keine Selbstläufer. In Braunschweig, wo man gerade auch schon Mieczyslaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“ spielt, setzt man mutig auf neue Stücke jenseits des herkömmlichen Repertoires.

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So lässt sich nun überprüfen, ob Reimanns Werk, sein wohl letztes für das Musiktheater, dem großen Erfolg standhält, den es 2017 an der Deutschen Oper gehabt hat. Der Komponist hat darin drei dramatische Miniaturen des Belgiers Maurice Maeterlinck zu einem Triptychon verbunden. Das handelt von etwas, über das man nicht redet: Vor allem innerhalb der Familie spricht man nicht gern über den Tod. Wie ein Eindringling (so der Titel des ersten Teils) überfällt er die eben noch intakten Beziehungen: Plötzlich fehlt die Mutter, fehlt das Kind.

Wortreiches Schweigen

Reimann begegnet dem Schweigen mit vielen Worten – sein Stück ist voll opulenten Gesangs, der auch für das Braunschweiger Ensemble um die Sopranistin Jelena Bankovic eine Steilvorlage ist. Das Orchester dagegen ist eine Art tönendes Unterbewusstsein, das vor allem dem Gefühl des Unbehagens und der Bedrohung Ausdruck verleiht. Im Laufe des Abends wird die Besetzung immer größer, im ersten Teil raunen vor allem tiefe Streicher, im zweiten die Holzbläser, erst im dritten, unheimlichsten Teil, ist das ganze Orchester dabei. In Braunschweig ist es hinter den Sängern auf der Bühne platziert und agiert unter Leitung von Srba Dinic rücksichtsvoll gegenüber den Stimmen und doch atmosphärisch dicht.

Bei Tatjana Gürbaca bleibt das Unerbittliche außen vor

Regisseurin Tatjana Gürbaca hat davor und im Graben eine Art Familienaufstellung arrangiert, unter den Sänger werden Schilder verteilt, die zeigen, wem welche Rolle zukommt. Sie versteht Reimanns musikalische Übungen zum Tod als Experiment, aus dem man sich immer wieder zurückziehen kann. Das Unerbittliche bleibt in dieser Inszenierung außen vor. Zugleich offenbart diese Sichtweise eine nüchterne Sicht auf das Stück, das in Braunschweig zu oft manieriert erscheint, um wirklich zu berühren.

Die nächsten Vorstellungen sind am 1., 7. und 19. Juni im Staatstheater Braunschweig.

Von Stefan Arndt