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Region Packende Seelenstudie: Das Klecks-Theater zeigt „Das große Heft“
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Premiere: Das Klecks-Theater zeigt „Das große Heft“

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14:34 29.09.2019
Eine ganz normale Familie: Szene aus „Das große Heft“ am Klecks-Theater. Quelle: Olivia Plum
Hannover

Seelische Gewalt, körperliche Gewalt, extreme Vernachlässigung und sexueller Missbrauch: Es gibt fast nichts, das diesen Zwillingsbrüdern erspart bleibt. Dabei hat ihre Mutter sie vorsorglich aus der großen Stadt weggebracht, wo die Bomben fallen und es nichts mehr zu essen gibt. Die Großmutter in der kleinen Stadt möge sich um ihre Enkel kümmern, bis der Krieg vorbei ist, fleht die Mutter – und diese lässt sich schließlich widerwillig darauf ein. Als Arbeitskräfte taugen die „Hundesöhne“, wie sie sie nennt. Dafür gibt es gerade so viel zu essen, wie die Jungs zum Überleben brauchen, und sonst nichts.

Übungen im Lügen

„Das große Heft“, von Regisseur Harald Schandry nach der Romanvorlage der ungarisch-schweizerischen Autorin Ágota Kristóf auf die Bühne des Klecks-Theaters gebracht, ist nur äußerlich ein Stück über den Krieg und darüber, was dieser auch mit der Zivilbevölkerung macht. Auf psychologischer Ebene handelt es sich um eine Studie über den Umgang mit Traumata. Die namenlosen Zwillinge flüchten sich in einen Zustand der Dissoziation.

Die wissensdurstigen Kinder lernen zu beobachten und zu beschreiben, ohne dabei zu fühlen. Um die Schläge und die Erniedrigungen besser aushalten zu können, erlegen sie sich selbst Übungen zur Abhärtung von Körper und Geist auf. Lügen, Stehlen, Erpressen und schließlich Töten bilden ihr Repertoire von Überlebensstrategien. Und doch haben sie ihre ganz eigenen Moralvorstellungen und Prinzipien und stehen Schwächeren bei – solange es ihrem eigenen Überleben nicht im Weg steht.

Elisabeth Frank spielt diese Zwillinge eindringlich zusammen mit einer Puppe, die mehr eine Fratze als ein Gesicht hat. Sie spricht und handelt für beide – ein kluger Regieeinfall, denn so wird die psychologische Deutungsebene des Romans noch stärker ausgeleuchtet: So lässt sich der Kontrast zwischen der Schauspielerin und der kaum menschlichen Visage auch als innere Spaltung des Kindes lesen, das vielleicht – aber das bleibt offen – am Ende doch gar kein Zwilling war.

Eindringliches Spiel in karger Kulisse

Neben Elisabeth Frank spielen Imme Beccard und Laura Pohl jeweils mehrere Rollen: Von der liebenden Mutter zum brutalen Soldaten (Pohl), von der hartherzigen Großmutter zum pädophilen Pastor (Beccard) reicht das Spektrum der beiden Darstellerinnen – und man nimmt ihnen all das ab. Zu der beklemmenden Atmosphäre tragen auch das karg gehaltene Bühnenbild und die stimmigen Kostüme von Ulrike Schörghofer bei. Der Impro-Musiker Jürgen Morgenstern sorgt mit allen möglichen und unmöglichen Instrumenten vom Kontrabass bis zur singenden Säge für eine atmosphärisch dichte Klangkulisse. So gelingt dem Ensemble ein emotional packendes Gesamtkunstwerk.

Die nächsten Vorstellungen beginnen vom 30. September bis 2. Oktober täglich um 10 Uhr im Klecks-Theater, Kestnerstraße 18.

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Von Juliane Moghimi

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