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Premiere: „Hannah und der Punk“ im Theater an der Glocksee

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12:31 13.10.2019
Diskursfreudig: Szene aus „Hannah und der Punk“ im Theater an der Glocksee. Quelle: Jonas Wömpner
Hannover

Hannah Arendt wuchs nicht in Hannover auf und auch nicht in Linden, wo sie geboren wurde: Als sie drei Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie zurück nach Königsberg, woher diese stammte. Im Stück „Hannah und der Punk“ behauptet das Team des Theaters an der Glocksee zum Glück erst gar nicht, es gehe um eine Hannoveranerin. Und doch antwortet eine der drei Arendt-Darstellerinnen auf die Frage, was sie eigentlich hier mache: „Ich war ja eigentlich nie weg.“

Denn die Fragen, die die politische Theoretikerin, die nie Philosophin genannt werden wollte, immer wieder zu beantworten versuchte, sind bis heute virulent – allen voran die nach individueller und kollektiver Freiheit. Den Theatermachern gelingt unter der Regie von Lena Kußmann die Gratwanderung, die oft abstrakten Thesen Arendts einerseits ernst zu nehmen, sie aber andererseits mit heutigem Alltagserleben zu konfrontieren.

Punk aus dem Keller

Die Mitglieder des Ensembles stehen dabei mit ihren individuellen Biografien stellvertretend für das heterogene Publikum. Andrea Casabianchi, Ronja Donath und Laura Jakschas sind gemeinsam Hannah Arendt. Zu dritt leben sie auch die Widersprüche in deren Aussagen aus, bringen eine permanente innere Diskussion auf die Bühne, den Versuch, Leben und Gesellschaft zu durchdringen und in Worte zu fassen. In Videoporträts geben die Schauspielerinnen Persönliches preis, erzählen von Befreiungsmomenten und -strategien.

Szene aus „Hannah und der Punk“ im Theater an der Glocksee. Quelle: Jonas Wömpner

Und dann ist da natürlich der Punk – in Form der Hardcore-Band „Pisscharge“. Die Band ist echt, niemand wurde gecastet, niemand tut so, als ob. Ihre Mitglieder bringen wiederum eigene Freiheitserfahrungen mit in den Bühnendiskurs. Kassandra Spelti, Cristóbal Camiruaga, João Guilherme und Nico Tiekötter beschreiben Musik als angst- und zuschreibungsfreien Raum, in dem sie Unabhängigkeit erfahren. Der Punk wohnt zunächst in einer kleinen Energiezelle hinter einer Schiebetür, als wäre sie ein Fahrstuhl aus den Probekellern des Glockseeareals – und drängt dann unaufhaltsam auf die Bühne.

Extreme Zeiten

Mit deren Gestaltung zitiert Britta Bremer jene Sechzigerjahre-Talkshow, in der Arendt immer wieder in einer Videoprojektion zu sehen ist. Sie wolle „den Wunsch im Menschen wecken, kritisch zu denken“, sagt Arendt da. Im Freiheitsdiskurs mit den Musikern werden ihre Bühnenrepräsentationen hingegen mit Emotionen konfrontiert: „Sie brauchen die Wörter, aber haben Sie denn nichts gefühlt?“, fragt Camiruaga. Später sagt er: „Nichts wird sich verändern, wenn wir nicht handeln.“ Sie sei in erster Linie am Verstehen interessiert, erwidert Arendt in einem Originalzitat: „Ich kann sehr gut leben, ohne zu handeln.“

Szene aus „Hannah und der Punk“ im Theater an der Glocksee. Quelle: Jonas Wömpner

In den Widerspruch hinein fragt Guilherme schließlich: „Sie haben gesagt, es gibt extreme Zeiten, in denen man handeln muss – woher wissen wir denn, wann es so weit ist?“ Er erhält keine Antwort. Das Spannungsfeld zwischen einem Nachdenken über Gesellschaft und dem dringenden Bedürfnis, dabei nicht stillzustehen, macht die vielschichtige Inszenierung von „Hannah und der Punk“ aus. Den Rest füllen alle gemeinsam mit großer persönlicher Nähe.

Weitere Aufführungen am 18., 25., 26. und 30. Oktober sowie am 1., 2. und 6. November, jeweils um 20 Uhr im Theater an der Glocksee.

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