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Renommierter Kunstpreis: Goslarer Kaiserring für Barbara Kruger

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18:49 20.09.2019
Gesichter und Geschichten: Blick in die Ausstellung im Mönchehaus-Museum. Quelle: Stefan Arndt
Goslar

Natürlich hat man Verständnis. Barbara Kruger ist 74 Jahre alt und erst am Vorabend aus New York gekommen, da braucht sie ja nicht gleich an der Pressekonferenz zur Verleihung des Kaiserrings teilnehmen. Allerdings ist Kruger die Preisträgerin. Die US-Amerikanerin wolle sich noch etwas erholen, heißt es im Mönchehaus Museum, wo die Verantwortlichen angesichts der kurzfristigen Absage kaum weniger verwundert sind als die angereisten Journalisten.

Statt der Künstlerin spricht so ihre Kunst: „Never Enough“ steht in großen grünen und schwarzen Lettern auf einem Transparent über den Tischen der Pressekonferenz im Ausstellungshaus in der Altstadt, das die jeweiligen Kaiserringträger traditionell mit einer großen Schau bespielen. Niemals genug: Kruger hat das Werk extra für diesen Ort geschaffen und so eine rätselhafte Mahnung installiert.

„Never enough“: Die Kaiserring-Preisträgerin hat das Werk extra für das Mönchehaus geschaffen. Quelle: Stefan Arndt

Starker Auftritt in Abwesenheit

Die übergroßen Worte sind eine Art Überschrift, wenn der Bürgermeister den undotierten Kunstpreis als unbezahlbaren Standortfaktor lobt oder der Juryvorsitzende erläutert, wie sorgfältig abwechselnd man die Preisträgerliste fortschreibe, die das eigentliche Kapital des Kaiserrings bilde. „Never Enough“ wird so zum subversiven Kontrapunkt auf Lobeshymnen, die ohnehin nur zum Teil der Künstlerin gelten: ein starker Auftritt in Abwesenheit.

Auf den eloquenten Fotografen Wolfgang Tilmans und seine ästhetisch opulente Arbeit, die im vergangenen Jahr gleich drei Stockwerke im Mönchehaus gefüllt hatte, folgt nun die streng zurückhaltende Konzeptkünstlerin, bei der jedes Wort Gewicht hat. Denn Krugers Kunst besteht aus Buchstaben. Wo Bildhauerinnen Hammer und Meißel benutzen, setzt sie auf „Helvetica condensed“ und „Futura bold“ – auf berühmte Schrifttypen, die Werke wie „Never Enough“ vollformatig ausfüllen.

Großspurige Staatsraison

Entsprechend konzentriert ist die auf den Neubau beschränkte Schau im Mönchehaus: In weißen Lettern auf farbigem Grund stellt Kruger mit einer Werkgruppe aus dem Jahr 2011 Fragen wie „Is there life without pain?“ oder „Are there animals in heaven?“. In „Untitled (Project for Dazed and Confused)“ kombiniert sie Schwarz-Weiß-Porträts aus Zeitschriften mit irritierenden Kommentaren in weißer Schrift auf rotem Grund. Und in „Meine Leute sind besser als ihre Leute“ springt den Besuchern sogar auf Deutsch der großspurige Tonfall entgegen, der in den USA seit einiger Zeit zur Staatsraison gehört.

„Meine Leute sind besser als ihre Leute“ von Barbara Kruger gehört zur Ausstellung der Kaiserring-Preisträgerin in Goslar. Quelle: Stefan Arndt

Kruger lädt scheinbar alltägliche Phrasen und vermeintlich harmlose Wörter mit Gewicht auf, indem sie sie aphoristisch öffnet und verdichtet. Von Konsumkritik – der Slogan „I shop therefore I am“ hat Kruger in den Siebzigerjahren bekannt gemacht – über Sexismus und Machtmissbrauch hat die Amerikanerin auf diese Weise in mehr als 40 Jahren viele Probleme angesprochen.

Bereits 2006 hat die Kestnergesellschaft in Hannover ihr eine Ausstellung gewidmet. Im Zeitalter der politischen Lautsprecher allerdings erscheint ihr Werk nun so aktuell wie seit Langem nicht mehr. „Wer wird die Geschichte der Tränen aufschreiben?“, fragt Kruger auf einem großen Plakat auf dem Goslarer Marktplatz. Ist sie selbst eine Chronistin der Gegenwart? Und reicht das für eine der wichtigsten Auszeichnungen der Kunstwelt? Wer sich solche Fragen bei der Pressekonferenz im Mönchehaus stellt, braucht nur den Blick zu heben, um eine Antwort der Künstlerin zu bekommen. „Never Enough“.

Die Ausstellung „Barbara Kruger – Kaiserringträgerin der Stadt Goslar 2019“ ist bis zum 26. Januar im Mönchehaus-Museum Goslar zu sehen. Gleichzeitig läuft die Schau „Signs Of Life“ des Kaiserringstipendiaten Andreas Greiner.

Von Stefan Arndt

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