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Region Unter schmelzenden Gletschern: Robert Macfarlane für „Im Unterland“ ausgezeichnet
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Robert Macfarlane erhält den NDR Kultur Sachbuchpreis für "Im Unterland" in Hannover

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09:24 21.11.2019
„Ein imponierendes Buch“: NDR-Hörfunk-Programmdirektor Joachim Knuth (links) gratuliert Preisträger Robert Macfarlane. Quelle: Irving Villegas
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Hannover

Wohl jeder Sachbuchautor wünscht sich, dass sein Werk eine Tiefenbohrung sei. Dem 1976 geborenen britischen Autor Robert Macfarlane ist das gleich in mehrfacher Hinsicht geglückt. Sein neues Werk ist analytisch, nachdenklich, intelligent - und es führt auch inhaltlich in die Tiefe. „Im Unterland“ führt in Höhlen und Abgründe, Keller und Kavernen, unter schmelzende Gletscher und in den Untergrund pulsierender Großstädte.

„Im Unterland“ (Penguin, 556 Seiten, 24 Euro) ist lehrreich, packend und sehr unterhaltsam. Es ist ein ausgezeichnetes Buch – und am Mittwochabend wurde es auch ausgezeichnet: mit dem Sachbuchpreis von NDR Kultur, der mit 15 000 Euro dotiert ist, in diesem Jahr zum elften Mal vergeben wurde und damit längst in die Riege der großen Sachbuchpreise gehört.

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Veränderung der Perspektive

Joachim Knuth, Juryvorsitzender und NDR-Hörfunk-Programmdirektor, nannte „Im Unterland“ bei der Gala in Schloss Herrenhausen ein „imponierendes Buch“ und lobte die Veränderung der Perspektive, zu der der Autor die Leser einlädt: „Begibt man sich in Katakomben, in die Tiefen eines Gletschers, zu unterirdischen Flüssen, dann macht man frappierende Entdeckungen, die oberflächlich kaum jemand ahnt.“

Lobt die „poetische Kraft“ des Buches von Autor Robert Macfarlane: PEN-Präsidentin Regula Venske bei der Preisverleihung des NDR Kultur Sachbuchpreises im Schloss Herrenhausen. Quelle: Villegas

Die Schriftstellerin und Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschlands Regula Venske bildete gemeinsam mit Hilal Sezgin (Publizistin), Wilhelm Krull (Volkswagenstiftung), Johann Hinrich Claussen (EKD), Franziska Augstein (Süddeutsche Zeitung), Jutta Allmendinger (Humboldt-Universität, Berlin) und HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt die Jury. Venske sprach in ihrer Laudatio von der „poetische Kraft“ des Buches – und ließ sich selbst zu leidenschaftlichen Sätzen über das Werk hinreißen: „Das Buch, das wir heute Abend auszeichnen, fordert nicht nur unseren Intellekt heraus“, sagte sie. „Es trifft einen – ins Herz? Ach was, direkt in die Eingeweide, dahin, wo es wehtut, und zwar mit voller Wucht.“

Schreiben als politischer Akt

Trotzdem, so Laudatorin Venske, verfalle der Autor nicht in Zynismus oder Verzweiflung. Sein Werk sei vielmehr „eminent politisch“ und sporne zum Handeln an, nicht zur Agonie. Dazu passt, dass Macfarlane sich selbst sich auf die Frage, ob er Autor, Wissenschaftler oder Abenteurer sei, antwortete, er sehe sich vor allem als Lehrer: Für ihn könne das Lesen wie das Schreiben ein politischer Akt sein.

„Opus Primum“ für Annika Hardt

Bei der Verleihung des NDR Kultur Sachbuchpreises wurde auch der Opus-Primum-Förderpreis der Volkswagenstiftung für die beste wissenschaftliche Nachwuchspublikation vergeben. Diese mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung ging an Annika Hardt für ihre Dissertation „Technikfolgenabschätzung des CRISPR/CAS-Systems. Über die Anwendung in der menschlichen Keimbahn“ (De Gruyter, 312 Seiten, 49,95 Euro). Die 33-Jährige, die erst am Vortag ihre Mediziausbildung abgeschlossen hat und in der Forschungsgruppe „Ethik in der Informationstechnologie“ an der Universität Hamburg arbeitet, setzt sich mit den Möglichkeiten der Genschere auseinander.

Den sich wandelnden Bedingungen des Lesens und Denkens widmete sich auch die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann in ihrem Impulsvortrag, an dem sich eine Diskussion mit den Journalisten Hendrik Brandt, NDR-Moderator Ulrich Kühn und Hannah Lühmann von der „Welt“ anschloss.

Lebhafte Diskussion: Moderator Ulrich Kühn (von links) im Gespräch mit Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, Hannah Lühmann („Welt“-Journalistin) und HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt. Quelle: Villegas

Im Sinne einer gründlichen Lektüre sprach Assmann ein „Lob der Behäbigkeit“ gerade in Zeiten einer rasanten Mediengesellschaft.

Lehren aus der Vormoderne

Zuvor weitete sie den Blick und beschrieb eine Zeitenwende von der Vormoderne in die Moderne, in der sich Begriffe aus dem Plural einst in Singularformulierungen wandelten: Aus den Künsten wurde am Ende des 18. Jahrhunderts die Kunst, aus Religionen die Religion und aus Geschichten die Geschichte.

Heute, so Assmanns Hypothese, kehre sich das in einer neuen Zeitwende wieder um: Allenthalben sei von Künsten, Kulturen und Religionen die Rede. Allerdings – und hier fand sie am Ende doch noch eine Verbindung zum Buch – haben wir es nur mit einem einzigen Planeten zu tun, der Erde. „Diesen Singular sollten wir bei aller Liebe zum Plural nicht vergessen“, sagte Assmann – und war damit wieder ganz bei Robert Macfarlane.

Sechs Jahre hat Robert Macfarlane an „Im Unterland“ gearbeitet, das mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde. „Das Werk spornt zum Handeln an“, lobt die Jury.

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