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Salzburger Festspiele: Stürmische Zeiten beim größten Klassikfestival

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18:06 11.08.2019
Demonstration des Möglichen: Cecilia Bartoli in der Titelrolle von Damiano Michielettos Salzburger „Alcina“-Inszenierung. Quelle: Matthias Horn
Salzburg

Wenn Unwetter in der Musik wüten, ist die Veränderung am deutlichsten zu spüren: Die Salzburger Festspiele, die lange ein konservatives Musikverständnis repräsentierten, haben sich nicht nur den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis geöffnet – das wichtigste Klassikfestival der Welt wirkt ein Jahr vor seinem 100. Geburtstag fast wie ein Gipfeltreffen der Alte-Musik-Szene.

Gerade wenn – wie in den ersten drei Opernpremieren des Festivals – Stürme klangmalerisch die Natur in Aufruhr schildern und das aufgewühlte Seelenleben der Figuren, ist vom ausgewogenen Mischklang, der in Salzburg über Jahrzehnte als Ideal galt, nichts mehr zu hören: Jetzt tönt alles wild-lebendig und drastisch aufgeraut.

Philharmoniker mit Effektgeräten

Selbst die Wiener Philharmoniker testen unter Leitung von Thomas Hengelbrock die Grenzen des Wohlklangs: Im Gewittervorspiel zu Luigi Cherubinis Oper „Médée“ etwa erscheinen Piccoloflöte und Posaunen fast wieder so grell und fremd, wie sie es bei der Uraufführung 1797 waren: eher Effektgeräte als Instrumente, die sonst nur in Militärkapellen zum Einsatz kamen.

Chevalier, Currentzis & Co. überzeugen bei den Salzburger Festspielen.

Wiederentdeckte Farben

Begeistert hat damals Ludwig van Beethoven diese extremen Klänge eingesogen – und sie zehn Jahre später erstmals im sinfonischen Repertoire im Finale seiner fünften Sinfonie eingesetzt. Der Erfolg dieses Stückes hat dazu beigetragen, dass der klangliche Ausnahmezustand zumeist als normal überhört wird. Die Farbigkeit und Ausdrucksstärke solcher Musik wieder wahrnehmbar zu machen, ist ein zentrales Motiv von Musikern wie Hengelbrock, der zuletzt Chef des NDR Elbphilharmonie Orchesters war.

Currentzis als Hochglanzstar

Neuer Star unter den Dirigenten, die sich wie Hengelbrock zunächst mit Alter Musik beschäftigt haben und jetzt die ganze Klassikwelt prägen, ist der Grieche Teodor Currentzis. Im für ihn typischen Stil – sehr klar in Klangfarben und Phrasierungen und sehr eigenwillig in der Tempogestaltung – leitet er in Salzburg das Freiburger Barockorchester bei Mozarts Oper „Idomeneo“, in der gleich mehrere Sturmszenen enthalten sind.

Klarheit und Eigenwille: Dirigent Teodor Currentzis in Salzburg. Quelle: Barbara Gindl/dpa

Klimakrise in der Oper

Diese verheerenden Unwetter haben den Regisseur Peter Sellars dazu inspiriert, in Mozarts Oper den Klimawandel zu thematisieren: Bei ihm haben nicht nur die Folgen des trojanischen Krieges zu Flüchtlingsströmen geführt, sondern auch extreme Wetterlagen. Sellars erzählt die Geschichte des Mannes, der seine Frau wegen einer schönen Fremden verlässt, als politisches Drama: als Beispiel eines Konfliktes, der beim notgedrungenen Zusammentreffen verschiedener Kulturen entsteht.

Eine politische Affäre

Auch Simon Stone betont in seiner „Médée“-Inszenierung den Flüchtlingsaspekt der Oper und weitet wie Sellars das private Eifersuchtsdrama zur politischen Affäre. Der australisch-schweizerische Regisseur zeigt diesen antiken Stoff – Mythen sind ein Leitmotiv der diesjährigen Festspiele – als hyperrealistische Dokusoap mit tödlichem Ausgang.

Hyperrealistischer Showdown: Szene aus „Médée“ in der Salzburger Inszenierung von Simon Stone. Quelle: Thomas Aurin

Medea wird aus ihrer neuen Heimat (bei Stone: Österreich) abgeschoben und muss erst wieder illegal einreisen, um ihr Rachewerk zu vollbringen. Ihre fatale Verzweiflung wird durch die politischen Umstände nur größer. In Videosequenzen wird Medeas Weg von der fürsorglichen Mutter zum Söhne mordenden Racheengel im Salzburg der Gegenwart nachgezeichnet – soweit das eben möglich ist: Angesichts des Mythos kann die Realität nur flach erscheinen.

Neues vom Hammerklavier

Stone ersetzt die gesprochenen Dialoge des Originals durch knappe Mailboxnachrichten von Medea an ihren untreuen Mann, die seiner Interpretation zusätzliche Schlüssigkeit verleihen und den Abend straffen. Darin ähnelt diese Produktion dem „Idomeneo“, der ebenfalls gekürzt (um die Rezitative) und mit neuen Zutaten (Überleitungen im Hammerklavier) versehen von einer eher losen Nummernoper in eine geschlossenere Form gebracht wird.

Triumph für Nicole Chevalier

Diese Verdichtung nutzt den Sängern, die so stets im Mittelpunkt des dramatischen Geschehens stehen. Auffällig sind dabei vor allem die Sopranistin Nicole Chevalier, die als Mozarts Elettra eine Nebenrolle zur Hauptrolle macht und der damit nach ihrem Solo in der hannoverschen „La Traviata“ wieder ein großer Coup gelingt. Für ihre Kollegin Elena Stikhina in der Titelrolle von „Médée“ dürften die Festspiele ebenfalls ein Karrieresprungbrett sein.

Das haben Cecilia Bartoli und Philippe Jaroussky nicht mehr nötig. In Händels „Alcina“ demonstrierten die beiden Sänger in der dritten Festspielpremiere eindrucksvoll, was an vokaler Raffinesse derzeit möglich ist. Und ein eindruckvolles Klanggewitter gibt es hier auch. So erinnert selbst diese Barockoper in der aparten, aber vergleichsweise unpolitischen Inszenierung von Damiano Michieletto daran, in welch stürmischen Zeiten wir leben.

Weitere Veranstaltungen

Die Salzburger Festspiele laufen noch bis zum 31. August. Dirigent Teodor Currentzis leitet danach am Dienstag, 3. September, eine Aufführung von Mozarts Oper „Così fan tutte“ beim Musikfest Bremen. Am 4. und 5. Mai 2020 singt Sopranistin Nicole Chevalier im Sinfoniekonzert der Staatsoper Hannover das Stück „Let me tell you“ des 1952 geborenen Komponisten Hans Abrahamsen.

 

Von Stefan Arndt

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