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Region Saša Stanišić beeindruckt das Publikum im Literaturhaus
Nachrichten Kultur Region Saša Stanišić beeindruckt das Publikum im Literaturhaus
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14:35 26.04.2019
Ausdrucksstark: Saša Stanišic bei der Präsentation seines Romans „Herkunft" mit Kathrin Dittmer im Literaturhaus.
Ausdrucksstark: Saša Stanišic bei der Präsentation seines Romans „Herkunft" mit Kathrin Dittmer im Literaturhaus. Quelle: Foto: Villegas
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Hannover

Saša Stanišić liest mit Händen und Füßen. Zuerst die Hände: Wild wandern sie in der Luft umher, fahren durch Stanišićs Haare, ändern den Sitz des Tischmikros während er im Literaturhaus aus seinem Roman „Herkunft“ liest. Dann die Füße: Gegen Ende der Lesung steht der Autor auf, liest unverstärkt weiter, deklamiert „Du bist ich“ und lässt das Publikum entscheiden, ob die Hauptfigur seines Romans am Ende die demente Großmutter belügen soll oder nicht. Bei der ersten Entscheidung wählt das Publikum die Wahrheit – bei der zweiten die Lüge. Und am Ende geht es auf Drachenjagd.

Was uns prägt

„Herkunft“ ist ein Roman, der zwei aktuellen Literaturtrends entspricht. Der eine ist, sich an der Bedeutung der Worte „Heimat“ und „Herkunft“ abzuarbeiten, bei Stanišić mit allen Komplexi- und Absurditäten, die es mit sich bringt, wenn man mit 14 Jahren aus Bosnien-Herzegowina in ein anderes Land flieht. Der andere ist das autobiographische Schreiben, das an der Grenze zwischen Autobiographie und Fiktion herumlungert und dabei die Frage aufwirft, ob es überhaupt sinnvoll ist, solche Kategorien zu trennen. Wie dicht ist die Figur namens Saša am Autor Stanišić? Man weiß es nicht, und es ist auch egal. „Herkunft“ ist jedenfalls - nach „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ und dem 2014 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Werk „Vor dem Fest“ - der dritte Roman des 1978 geborenen Autors. Einerseits ist er eine Suche nach Stanišićs Herkunft. Andererseits werden auch Grenzen verwischt, zwischen Autor und Figur, zwischen Heimat und Herkunft, zwischen Fakt und Fiktion.

„Es sind so seltsame Dinge, die unsere Biographie prägen“, sagt Stanišić, bevor er beginnt zu lesen, ausnahmsweise, weil er gerne am Stück liest, ohne Moderation. Fünf Passagen aus „Herkunft“ gibt es im ausverkauften Literaturhaus zu hören. Die erste ist ein immer wieder korrigierter Brief an die Ausländerbehörde, die von dem Autor einen Lebenslauf verlangt. Die zweite ist eine Passage zum Spracherwerb, in welcher der jugendliche Saša mit anderen Migranten im Deutschkurs sitzt. Dann geht es um die Schwierigkeiten des Vaters bei der Jobsuche, ein missglücktes fotorealistisches Gemälde und eine fast geglückte Liebe. Und zum Schluss folgt jene Passage über die Großmutter, in der das Publikum über den Ausgang der Geschichte entscheidet.

Das zwinkernde Spielkind

Stanišić erweist sich dabei erneut als fantastischer Vorleser. Vor allem aber schafft es das immer wieder ironisch zwinkernde Spielkind im Autor Stanišić mit Leidenschaft, den Witz seines Buches und den Spaß am Spiel mit der Sprache zu transportieren. Jede der präsentierten Passagen hat dabei ganz eigene stilistische und sprachliche Raffinessen. Dabei lässt er am Ende auch elegant die Frage nach der Herkunft der Hauptfigur in der Demenz der Großmutter verschwinden. „Man will gelegentlich von mir wissen, ob ich in Deutschland zu Hause sei“, heißt es da. „Ich sage abwechselnd Ja und Nein.“ So entgeht Stanišić in „Herkunft“ auch der Falle, mit „Herkunft“ der Masse autobiographischer Migrationsgeschichten einfach eine weitere hinzugefügt zu haben.

Volker Braun liest am 30. April um 19.30 Uhr im Literaturhaus, Sophienstraße 2, aus seinem Roman „Handstreiche“.

Von Jan Fischer