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Schauspiel Hannover: Wilde, große, spannende, Bilder - dieser „Werther“ ist packendes Schauspiel

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18:38 23.09.2019
Sebastian Nakajew in „Werther“ nach dem Briefroman von Goethe in der wunderbaren Inszenierung von Lilja Rupprecht am Schauspiel Hannover. Quelle: Kerstin Schaumburg
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Hannover

Es scheint sich um einen Landeanflug zu handeln. Beim Betreten des Schauspiels sehen die Zuschauer zwei Piloten im Cockpit einer Verkehrsmaschine über die Schulter. Aber wird das eine normale Landung werden? Oder haben wir es hier mit der Germanwings-Maschine zu tun, die der Pilot Andreas Lubitz 2015 in selbstmörderischer Absicht am Boden zerschellen ließ – wobei er 150 Passagiere mit in den Tod riss?

Die Anspielung auf den Flugzeugabsturz taucht später wieder auf, ganz kurz nur. Als der Satz „Albert ist da“ fällt, und Werther seine Hoffnung darauf begraben muss, dass das etwas werden könnte mit ihm und dieser wunderbaren Lotte, da fallen plötzlich zwei Sauerstoffmasken von einer Leinwand, die über einem Sofa schwebt. Achtung: schwere Turbulenzen!

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Das ist das Schöne an dieser wunderbaren Inszenierung von Lilja Rupprecht: Sie liefert starke Interpretationsansätze, aber sie zwingt sie der Geschichte nicht auf. Goethes „Werther“, der Briefroman eines unglücklich Verliebten, ist nicht die Geschichte eines von langer Hand geplanten Suizids, könnte es aber sein. Es ist nicht die Geschichte eines jungen Mannes, der nicht erwachsen werden will und die eines Erwachsenen, der nicht mehr Kind sein kann, könnte es aber sein. Es ist nicht die Geschichte über den unbarmherzigen Lauf der Zeit, über unentschuldbares Zuspätkommen und die Tragik verpasster Chancen, könnte es aber sein.

Starke Fragen

Dieser „Werther“, dessen Textfassung die Regisseurin Lilja Rupprecht zusammen mit der Dramaturgin Nora Khuon aus Goethes Briefroman zusammengestellt hat, ist vor allem starkes Theater, das starke Fragen stellt: Wie soll ich leben? Was soll ich tun, wenn ich die absolute Liebe, die Eine, die Richtige gefunden habe? Und: Warum soll ich weiterleben, wenn das, was für mich am wichtigsten ist, unerreichbar bleibt?

Die Regisseurin lässt den Roman nicht nachspielen, sondern nacherzählen: Nur zwei Personen sind auf der Bühne: Alban Mondschein, der vor allem den jungen Werther spielt, aber auch als Lotte zu sehen ist, und Sebastian Nakajew, der den älteren Werther spielt, ihren Verlobten Albert und auch Lotte.

Zuerst sieht es ein bisschen komisch aus, wenn die beiden Schauspieler in blassrosa Kleidchen auf der Bühne stehen, aber schnell überzeugt das Theater mit seiner unwahrscheinlichen und wunderbaren Integrationskraft. Ja: Das hier ist die ganz große Liebe. Ein etwas älterer Mann im Kleidchen und ein junger Mann. Da stehen sie und sprechen vom Gewitter, das sich gerade entfernt. Und plötzlich ist man ganz bei Goethe und sieht, wie sie die Hand auf seine legt – und hört sie dieses eine Wort sagen: „Klopstock“. Und weiß, dass er genau weiß, welche Ode sie meint.

Man hätte sich auch darüber lustig machen können. Aber das tut die Regisseurin nicht (auch wenn sie Sebastian Nakajew das Wort „Klopstock“ extra ins bereitgestellte Mikrofon sprechen lässt). Sie nimmt Goethes Briefroman sehr ernst. Und erfindet wilde, große, spannende, atemberaubende Theaterbilder, um von ihm und von den Gefühlen, die Goethe schildert, zu erzählen.

Der Einzelne in der Tretmühle

Den Rahmen dafür liefert ihr eine Bühne, die eine Bühnenbühne ist. Holger Pohl hat einen Raum wie eine Theaterwerkstatt geschaffen: In der Mitte ein Tisch, an dem heftig mit violetter Farbe herumgeschmiert wird (Werther ist schließlich auch ein angehender Künstler), Sitzgelegenheiten, um die Sätze aus Goethes Roman zu rezitieren, ein Objekt aus Stroh und schwarzem Tuch, das ein wunderbares Symbol für Angst ist, und ein Fahrrad, das wie für Trainingszwecke am Boden fixiert ist.

Auf dem Rad: Sebastian Nakajew. Quelle: Kerstin Schomburg

Auf ihm tritt Sebastian Nakajew, der ältere der beiden Werther, in einer Szene mächtig in die Pedale. Dazu surrt ein Dynamo. Das Bühnenlicht flackert, wenn er Fahrt aufnimmt und scheint hell, wenn er richtig in Schwung kommt. Allein: Lange schafft er es nicht, diese Tretgeschwindigkeit durchzuhalten. Bald schon hört er ermüdet auf zu treten, das Bühnenlicht flackert wieder und verlischt. Der Einzelne in der Tretmühle. Das Problem der schwindenden Kraft. Die Erkenntnis, dass das, was einer alleine zustande bringt, nie reichen wird. Wie furchtbar. Und: Was für ein schönes Theaterbild.

Ganz großes Theater

Überhaupt dieser Sebastian Nakajew: Er ist ein starker Schauspieler mit großartiger Sprechkultur. Er setzt die richtigen, die klugen Pausen, er macht den Text, der ja ohnehin stark ist, noch stärker, drängt sich aber nicht in den Vordergrund. Wow. Das ist ganz großes, aber eben nicht aufdringliches Theater.

Dass diese Inszenierung in der Reihe Junges Schauspiel stattfindet und dass das „Junge Schauspiel“ nun auch die große Bühne bespielen darf und nicht auf den Ballhof festgelegt ist, hat weiter nichts zu bedeuten. Das hier ist vor allem starkes, packendes Schauspiel. Dabei spielt es gar keine Rolle, wie jung es ist.

Weitere Vorstellungen am 27. September sowie am 1., 15., 18. und 23. Oktober.

Von Ronald Meyer-Arlt

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