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Schlafforschung: Interview mit Autorin Hannah Ahlheim zum Buch Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert. Wissen, Optimierung und Widerständigkeit

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20:00 10.08.2019
„Ich hoffe, der Schlaf bleibt noch lange unverstanden“: Hannah Ahlheim, Professorin für Geschichts- und Kulturwissenschaften an der Universität Gießen, liebt die Geheimnisse des Schlafs. Quelle: Gunnar Bernskötter

Guten Morgen, Frau Professorin Ahlheim, haben Sie gut geschlafen?

Ja. Erstaunlicherweise schlafe ich immer noch sehr gut.

Wieso erstaunlicherweise?

Weil ich ja so viel über den Schlaf nachdenke.

Sie haben ein inhalts- und umfangreiches Buch über die Geschichte des Schlafes geschrieben, und sie werden am 29. August in Hannover zu Gast sein, um beim Herrenhäuser Gespräch der Volkswagenstiftung über den Schlaf zu diskutieren. Ist Schlaf ein Phänomen, über das zu diskutieren sich lohnt?

Auf jeden Fall. Der Schlaf nimmt schließlich ein Drittel des Lebens ein. Wenn man sich etwa die Geschichte anschaut und dabei den Schlaf der Menschen außer Acht lässt, dann ignoriert man ein Drittel der gesamten Geschichte. Aber wir verbringen nicht nur viel Zeit im Schlaf, der Schlaf hat auch starke Auswirkungen auf unseren Alltag. Schlaf ist etwas, das für uns und unser Leben unglaublich wichtig ist. Insofern würde ich sagen: Darüber nachzudenken lohnt sich immer.

Wieso haben Sie sich eigentlich entschlossen, sich mit der Geschichte des Schlafes zu befassen?

Einerseits schlafe ich wirklich sehr gerne. Andererseits habe ich auch bemerkt, dass es historische Untersuchungen zu so vielen Aspekten unseres Alltags gibt. Es gibt eine Geschichte des Essens, der Kleidung, des Wohnens, aber es gibt keine Geschichte des Schlafens. Obwohl das so etwas Essenzielles ist. Wenn man sich mit der Geschichte des Schlafes beschäftigt, hat man es gleichzeitig mit vielen anderen Geschichten zu tun: der Geschichte der Zeit, der Arbeit, der Wissenschaft und auch mit der Geschichte des Krieges.

Viele Menschen haben heutzutage Angst davor, zu wenig Schlaf zu bekommen. Warum ist Schlaf so ein Problem geworden?

Ich gehe davon aus, dass wir gar nicht so viel weniger oder schlechter schlafen als die Menschen vor einigen Jahrzehnten. Aber es ist so, dass wir wahnsinnig Angst davor haben, Schlaf zu verlieren. Wenn man sich die Geschichte anschaut, ist diese Angst vor Schlafverlust immer dann besonders wichtig, wenn sich eine Gesellschaft im Umbruch befindet. Früher war es die Beleuchtung, die die Nacht zum Tag machte, die Hektik der rasant wachsenden Städte raubte den Schlaf. Heute haben wir es zum Beispiel mit global vernetzten Rechnern zu tun, die ja nie schlafen und immer Input brauchen. Und immer wenn man das Gefühl hat, dass einem die Dinge entgleiten, weil sich um einen herum alles so radikal ändert, wird Schlaf besonders wichtig. Dann gilt es, Kontrolle über den Schlaf zu gewinnen.

Schlaf ist ja immer etwas sehr Persönliches. In Ihrem Buch „Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert“ widmen Sie sich auch der Geschichte der Schlafforschung. In diesem Zusammenhang schreiben Sie auch über die Arbeit von zwei Schlafforschern, die sich ein Schlafzimmer geteilt und sich gegenseitig beim Schlafen beobachtet haben. Das hat so etwas merkwürdig Intimes.

Schlaf ist die intimste Zeit, die wir haben. Wenn wir schlafen, sind wir völlig wehrlos. Man ist angreifbar – von außen und auch von innen. Schließlich können auch unsere Träume etwas mit uns machen. Weil der Schlaf so etwas Intimes ist, haben Schlafforscher übrigens lange gezögert, Frauen im Labor beim Schlafen zu beobachten.

Das ist heute aber sicher anders.

Na klar. Heute wird jeder im Schlaflabor untersucht. So ein Schlaflabor ist Teil des Alltags geworden. Bis in die 1980er-Jahre hatte kaum ein Krankenhaus ein Schlaflabor, heute ist das weit verbreitet. Es ist eine relativ neue Entwicklung, dass jedermann seinen Schlaf so vermessen und behandeln lassen kann. Gleichzeitig führt das zu einem gewissen Druck. Wenn man nicht gut schläft, wird man aufgefordert, ein Schlaflabor aufzusuchen. Dann soll man sehen, ob man auch den „richtigen“ Schlaf schläft und wie man seinen Schlaf optimieren kann.

Zur Person

Hannah Ahlheim ist Professorin für Geschichts- und Kulturwissenschaften an der Universität Gießen und Autorin des Buchs „Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert. Wissen, Optimierungsphantasien und Widerständigkeit“ (Wallstein Verlag, 695 Seiten, 29 Euro).

Am Donnerstag, 29. August, ist sie um 19 Uhr beim Herrenhäuser Gespräch im Schloss Herrenhausen zu Gast. Zusammen mit dem Neurobiologen Henrik Oster und der Psychologin Kneginja Richter diskutiert sie über unser Wissen und unsere Vorstellungen vom Schlaf.

Ist das ein Problem?

Das kann ein Problem sein – manchmal ist es eben schwer, „richtig“ zu schlafen. Die individuelle Wahrnehmung des eigenen Schlafes und die medizinische Vermessung führen manchmal zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Dann wird es schwierig, dem eigenen Schlafgefühl zu glauben.

Was ist mit den Schlaf-Apps, die den eigenen Schlaf kontrollieren sollen?

Die produzieren natürlich auch einen gewissen Optimierungsdruck. Dahinter steckt das Gebot: Schlafe gefälligst gut, damit du gut arbeiten kannst. Wenn man über Schlaf und Arbeit nachdenkt, fällt auf, dass die einen frei entscheiden können, wann und wie viel sie schlafen, während andere der Schichtarbeit unterworfen sind und keine freie Verfügungsgewalt über ihren Schlaf haben. Schlaf hängt auch an der sozialen Position.

Wir wissen heute schon eine ganze Menge über den Schlaf. Jetzt können wir mit modernen bildgebenden Verfahren dem Gehirn sogar beim Denken und Träumen zuschauen. Was werden wir demnächst Neues über den Schlaf erfahren?

Ich bin eigentlich ganz glücklich, dass sich der Schlaf immer noch gegen das Verstehen sperrt. Wir können zwar unterschiedliche Schlafphasen analysieren, aber das, was genau beim Schlafen passiert, haben wir noch nicht verstanden. Und die Steuerung des Träumens durch luzide Träume ist bisher eher Zukunftsmusik. Glücklicherweise, würde ich sagen. Ich hoffe, dass der Schlaf noch lange eine Bastion des Unverstandenen bleibt. Es ist die Zeit, die wir für uns selber haben und die dann doch nicht so einfach gesteuert, vermessen und optimiert werden kann.

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