Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Region Singenlernen auf der Chor.com – ein Selbstversuch
Nachrichten Kultur Region

Singenlernen auf der Chor.com – ein Selbstversuch

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:01 15.09.2019
Anna-Maria Hefele lehrt die Kunst des Obertongesangs auf der Chor.com. Quelle: Juliane Moghimi
Hanover

Eigentlich ist die Chor.com ja vor allem eine Spezialmesse für Chorleiter. Dementsprechend sind auch die 180 Workshops für die Fachteilnehmer konzipiert: Sie behandeln hauptsächlich Themen aus den Bereichen Gesangspädagogik, Musikvermittlung und Musikforschung. Einige Angebote jedoch ermöglichen es, selbst sängerisch aktiv zu werden und dabei möglicherweise neue stimmliche Erfahrungen zu machen. Und das werde ich ausprobieren.

Die Melodien der Mönche

Ich bin auf dem Weg zu einem anderthalbstündigen Kurs über gregorianische Gesänge. Die meisten denken dabei vor allem an Mönche in mittelalterlichen Klöstern - so wie bei „Der Name der Rose“. Heute kennen noch wir diese typischen Melodielinien aus der Kirche. Aber Gregorianik ist noch viel mehr: Sie kann als der Beginn der abendländischen Musik bezeichnet werden. Um die gregorianischen Gesänge präzise notieren zu können, hat Guido von Arezzo im elfte Jahrhundert das Notensystem entwickelt, das wir bis heute benutzen.

Glocken und Gesten: Maria Jonas erklärt den Gesang der Mönche. Quelle: Juliane Moghimi

In den Jahrhunderten vorher wurden die Gesänge mündlich weitergegeben und nur von speziell dafür ausgebildeten Mönchen in Neumen notiert. Da diese aber nicht allgemeinverständlich waren, mussten die einfachen Mönche alles auswendig lernen. Und genau darum soll es in dem Workshop gehen: das Erlernen der Melodien über das Ohr. Wie gut funktioniert das für eine Chorsängerin wie mich, die es gewohnt ist, Neues vor allem über das Notenbild und damit das Auge zu erlernen? Geleitet wird der Workshop von der Sängerin Maria Jonas, die sich auf mittelalterliche Musik spezialisiert hat.

Hilfe vom Glockenspiel

Einziges musikalisches Hilfsmittel bei diesem Workshop ist ein speziell angefertigtes Glockenspiel in der für die Gregorianik gebräuchlichen pythagoreischen Stimmung. Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte dieser alten religiösen Gesänge geht es los: Maria Jonas bringt uns ein dreiteiliges mittelalterliches „Kyrie“ bei.

Zunächst zerlegen wir den ersten Teil in kleine Portionen. Diese einzeln nachzusingen ist nicht übermäßig kompliziert, aber je länger die Phrase wird, desto mehr sehne ich mich nach einer optischen Hilfe. Frau Jonas führt uns zum Glück mit den Händen, zeigt Tonhöhen und Silbenänderungen an. Eine richtige Schola – ein auf Gregorianik spezialisierter Chor –allerdings, so erklärt sie uns, singt ein ganzes Konzert komplett ohne Dirigat.

Eine XXL-Anrufung Gottes

Wie das die Menschen früher geschafft haben, wird im nächsten Schritt klar. Zu den nur auf langen Silben gesungenen liturgischen Gesängen, bei denen mal also über viele Takte nur das „Ky“ aus „Kyrie“ zu singen hat, haben sie sogenannte Tropen entwickelt: Gesänge, die dieselbe Melodie haben wie zum Beispiel das Kyrie, die abrt einen Text haben, von dem auf jeder Note eine Silbe liegt. Damit die Gruppe in der Messe wusste, was sie wann zu singen hatte, wurde also erst der Tropus von einem Einzelnen vor- und dann das eigentliche liturgische Stück von allen nachgesungen. Nun kommt allein das „Kyrie eleison“ dreimal, dann dreimal „Christe eleison“, dann wieder dreimal „Kyrie eleison“ in einer anderen Variante. Es sind also nur für die Schola schon neun Teile zu singen.

Erklingen dazu noch die Tropen des Vorsängers, wird das Ganze schnell zu einer XXL-Anrufung des Höchsten. Allerdings merke ich auch: Die vielen Wiederholungen, zwischendurch die von Frau Jonas gesungenen Tropen - so lerne ich den Gesang am Ende tatsächlich. Im Langzeitgedächtnis freilich wird er nicht bleiben - aber wenn ich in einem Kloster lebte und mein Tag nur aus Singen, Beten, Essen und Schlafen bestünde –wer weiß, vielleicht könnte ich dann auch irgendwann hunderte solcher Gesänge auswendig?

Die gespaltene Stimme

Zweiter Lernversuch: Normalerweise singt der Mensch einstimmig. Um zwei- oder mehrstimmige Musik zu produzieren, muss er sich andere Menschen suchen und landet dann zum Beispiel in einem Chor. Es ist jedoch physikalisch auch möglich, dass ein einzelner Mensch scheinbar zweistimmig singt. Diese Technik wird als Obertongesang bezeichnet.

Jeder Ton, den wir wahrnehmen, besteht aus verschiedenen übereinandergelagerten Frequenzen. Wer die Kunst des Obertongesangs erlernt hat, der kann beim Singen einzelne über dem Grundton liegende Frequenzen herausfiltern. Diese werden dann getrennt hörbar – der Mensch singt scheinbar zweistimmig.

Alleine zweistimmig singen

Künstler wie Anna-Maria Hefele beherrschen diese Technik so perfekt, dass sie zwei voneinander unabhängige Melodien gleichzeitig mit Grund- und Oberton singen. Ich habe diese Ausnahmesängerin einmal live erlebt und war komplett überwältigt, denn ich habe trotz mittlerweile 35-jähriger Gesangserfahrungen nicht die geringste Ahnung, wie das funktionieren kann. Und nun gibt sie also einen Einführungs-Workshop. Da muss ich unbedingt hin!

Treffpunkt ist im Ballettsaal in der Musikhochschule. Hier ist Platz genug für die vielen Interessenten, aber wir bekommen auch die Nachteile der Location zu spüren: Über uns üben deutlich wahrnehmbar mehrere Menschen an Klavier und Blechblasinstrumenten. Das ist insofern nicht optimal, als die Obertöne – so man sie denn herausgefiltert bekommt – ohnehin nicht so laut hörbar sind wie der gesungene Grundton.

Anna-Maria Hefele, die uns zunächst noch einmal demonstriert, warum es geht, hat selbstredend keine Probleme, ihre Obertöne laut und deutlich hörbar zu machen. Locker-flockig singt sie eine ganze Melodie über dem ausgehaltenen Grundton. Das hört sich so leicht an! Ob wir das wirklich auch hinbekommen?

Singen wie ein knatischges Kind

Die Technik, in die wir heute Einblick bekommen sollen, beruht auf einem sehr langsamen Vokalwechsel vom „i“ zum „u“. Das heißt, wir sollen auf einem für mein Empfinden eher tiefen Ton ein „i“ singen und dann wie in Zeitlupe stufenlos zum „u“ wechseln. Dabei kommt es nicht darauf an, einen nach allgemeinen Klangvorstellungen schönen Grundton zu produzieren - vielmehr erinnert das, was wir machen sollen, ein wenig an ein knatschiges kleines Kind. Durch diese Technik werden die Stimmlippen aber möglichst geschlossen gehalten, was sich günstig auf die Produktion der Obertöne auswirkt.

Alle gemeinsam sollen wir nun den Selbstversuch starten. Fast drei Dutzend Leute singen also einen Ton auf „i“ und wechseln dann ganz langsam zum „u“. Und tatsächlich: Plötzlich ist der Raum um mich herum voller Obertöne! Auch bei mir selbst, das ergibt ein Test mit schaufelartig an meine Ohren gelegten Händen, werden die Einzelfrequenzen hörbar. Sie verändern sich mit der Vokaleinstellung und treten irgendwo zwischen dem „i“ und dem „u“ am deutlichsten zutage. Wow!

Erfolg für alle Teilnehmer

Anschließend gibt es eine Einzelrunde, bei der Anna-Maria Hefele jedem individuelle Tipps gibt. Unglaublich, aber wahr: Es gibt nicht einen einzigen Teilnehmer, dem es nicht gelingt, Obertöne herauszufiltern. Interessant ist, dass die Fähigkeit, diese wahrzunehmen, sehr individuell auf ausgeprägt ist. Mit der Zeit, versichert uns unsere Workshopleiterin, lernt man jedoch immer besser, sie zu hören.

Bis man Obertöne stabil halten, bewusst ansteuern und dann zu eigenständigen Melodien gestalten kann, ist freilich sehr, sehr viel Training erforderlich. Aber schon das bewusste Hören von Obertönen ermöglicht es beispielsweise, im Chor die Vokale perfekt aufeinander abzustimmen, was sehr positive Effekte auf die Intonation haben kann. Nach diesem Experiment bin ich mir sicher: Ich werde mich weiter mit diesem faszinierenden Thema beschäftigen.

Von Juliane Moghimi

Theater soll uns aus unserer Komfortzone herausführen. Es muss unbequem und gleichzeitig einladend sein. Laura Berman und Sonja Anders ist zuzutrauen, dass ihnen als Intendantinnen dieser Spagat gelingt, meint Ronald Meyer-Arlt.

15.09.2019

Zum Beginn der Intendanz von Laura Berman an der Staatsoper Hannover steht ein selten zu hörendes Werk auf dem Programm: „La Juive“ von Fromental Halévy. Lydia Steier führt Regie, Constantin Trinks dirigiert. Nach der Premiere gab es viel Jubel.

15.09.2019

Die Nacht vor der „Last Night of the Proms“: Die NDR Radiophilharmonie spielt Beethoven in der Londoner Royal Albert Hall – und Chefdirigent Andrew Manze überrascht bei der Erfüllung eines lang gehegten Traums.

15.09.2019