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Region Sparkasse springt 2022 als Förderer ab – Sorgen um Festival Tanztheater International
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Sparkasse beendet Sponsoring 2022 – Sorgen um Hannovers Tanztheater International

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15:01 10.01.2021
Ein Festival muss sich strecken: Ob Tanztheater International auch künftig Produktionen wie „The Falling Stardust“ von dem französischen Choreografen Amala Dianor nach Hannover holen kann, ist ungewiss. Quelle: Jef Rabillon
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Hannover

Nein, eine Tänzerin sei sie nicht und sei das auch nie gewesen, sagt Christiane Winter. Aber sie liebe den Tanz. Weil er archaisch sei. Weil er andere Ausdrucks- und Gefühlsebenen hervorbringe als das gesprochene Wort. Seit 1988 organisiert Winter das Festival Tanztheater International in Hannover. Die letzte Ausgabe fand im September 2020 statt, wegen der Pandemie als „Hannover Edition“ mit weniger Gästen, dafür mit dem lokalen Akteuren wie dem Staatsballett Hannover, der Commedia Futura und dem Choreografen Felix Landerer.

Doch nun droht dem Festival das Aus. Denn auch in diesem Jahr rechnet Winter mit Corona-Einschränkungen, die den Etat stark belasten. Und Besserung ist nicht in Sicht – im kommenden Jahr werden die Sorgen der Festivalchefin im Gegenteil noch größer: Die Sparkasse Hannover hat angekündigt, die Förderung von Tanztheater International nach 27 Jahren ab 2022 einzustellen. Damit wird dem Festival jährlich ein fünfstelliger Betrag im Etat fehlen – die Sparkasse ist nach Stadt und Land der drittgrößte Förderer des Festivals.

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Sparkasse will andere Projekte fördern

Man wolle künftig auch einmal andere Kulturprojekte in der Region unterstützen, sagt Sparkassen-Sprecher Stefan Becker zur Begründung. Er hält es für zwar weiterhin möglich, dass sein Unternehmen Tanztheater International auch künftig im kleineren Umfang bei einzelnen Projekten unterstützen könne. Doch eine dauerhafte Zusage und vor allem eine vergleichbare Förderhöhe werde es nicht mehr geben, sagt Becker.

Eine jahrelange Kooperation geht zu Ende: Festivalleiterin Christiane Winter (rechts) präsentiert 2011 mit Stefan Becker, Sparkasse Hannover, die Festivalprogramme. Im Hintergrund die damalige Kulturdezernentin Marlis Drevermann. Quelle: Martin Steiner (Archiv)

Steigende Kosten und sinkende Einnahmen

Leiterin Winter weiß nicht, wie sie die Summe ersetzen soll, die ab 2022 fehlen wird. Der Etat des renommierten Festivals war ohnehin stets sehr knapp bemessen. Dazu kommt, dass die Organisatorin bereits in diesem Jahr mit Umsatzeinbußen von rund 30.000 Euro rechnet: Wegen der Pandemie wird das Festival wohl mit weniger Zuschauerinnen und Zuschauern stattfinden, die weniger Tickets kaufen können – auch wenn manche Vorstellungen doppelt stattfinden sollen. Außerdem ist es wahrscheinlich, dass die Künstlergagen und Kosten für die Veranstaltungstechnik wegen der langen Ausfälle ab 2022 steigen werden.

Als sie die Entscheidung der Sparkasse mitgeteilt bekommen habe, habe sie schlucken müssen, sagt Winter. Sie betont aber, dass kein Dissens der Grund für das Ende der Förderung gewesen sein. „Die Sparkasse war über Jahrzehnte ein sehr guter Partner“, sagt Winter. Dafür sei sie dankbar.

Dass sich schnell ein neuer, vielleicht sogar ein privater Sponsor finden werde, der Tanztheater International künftig alljährlich mit einem ähnlichen Betrag unterstützt, hält Winter für wenig wahrscheinlich. Deswegen wird sie nun mit den anderen öffentlichen Förderern des Festivals sprechen müssen. Zu diesen gehören die Stadt, das Land und die Stiftung Niedersachsen.

Der Wille ist da – das Geld nicht

Mit jährlichen Förderhöhen von zuletzt 170.455 Euro ist die Stadt die größte Unterstützerin des Festivals. Für 2022 habe man den Betrag im Haushaltsentwurf, über den die Politik im März entscheidet, um 20.000 Euro erhöht, sagt Benedikt Poensgen vom Kulturbüro der Stadt. Das sei allerdings entschieden worden, bevor man gewusst habe, dass dem Festival künftig ein großer Sponsor fehlen werde.

Die 20.000 Euro werden nun nicht einmal ausreichen, um die Lücken im Etat zu stopfen, die in diesem Jahr voraussichtlich gerissen werden. Zu einer möglichen Lösung des Problems konnte Poensgen zunächst keine Angaben machen: Man müsse nun mit den anderen öffentlichen Förderern beratschlagen, sagte der Leiter des Kulturbüros.

Kein Movimentos in Wolfsburg

Das Movimentos-Festival der Autostadt wird auch in diesem Jahr keinen internationalen Tanz nach Wolfsburg holen. „Wir gehen davon aus, dass auch das Jahr 2021 maßgeblich von der Pandemie geprägt sein wird“, sagt Autostadt-Sprecherin Anja Kress. „Deshalb sehen wir keine Möglichkeit, ein Festival wie Movimentos in 2021 zu veranstalten.“ Von 2003 bis 2018 waren bei Movimentos oft spektakuläre Produktionen in einem stillgelegten Kraftwerk auf dem VW-Gelände zu sehen. 2019 zog das Festival in abgespeckter Form in das neue Veranstaltungszentrum „Hafen 1“, 2020 wurden alle Veranstaltungen wegen Corona abgesagt.

 Der Stadt sei es aber wichtig, dass Tanztheater International langfristig erhalten bleibe. Man wolle das Festival auch in zehn Jahren noch in Hannover haben, sagt Poensgen. Das Festival sei ein Leuchtturmprojekt in der Region: „Wir wollen den Tanz in Hannover weiterentwickeln – und da gehört ein Festival wie Tanztheater International dazu.“

Lesen Sie auch: So war die Pandemie-Edition des Tanzfestivals 2020

Dass Winter, die Tanztheater International seit 33 Jahren leitet, diese Weiterentwicklung nicht mehr sehr lange mitgestalten kann, ist offensichtlich. Wie es weitergehen könnte, ist aber noch unklar: Über die Nachfolge der Festivalgründerin wolle man mit ihr gemeinsam entscheiden, sagt Poensgen.

„Ich kann mir noch nicht ausmalen, wie es 2022 aussehen wird“: Christiane Winter organisiert das Festival Tanztheater International seit 1988. Quelle: Katrin Kutter

Bis all das geklärt ist, plant Winter einfach weiter. Gemeinsam mit einer Kollegin organisiert sie das Festival für diesen Spätsommer, bei dem möglichst auch Produktionen nachgeholt werden sollen, die im vergangenen Jahr ausfallen mussten. Mit dem Festival hat Winter über die Jahrzehnte schon viele kleine und größere Krisen kreativ gelöst. „Wie es 2022 aussehen wird“, sagt sie aber jetzt, „das kann ich mir noch nicht ausmalen.“

Von Nadine Wolter