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Region Sprengel-Museum zeigt Sammlungschau „Elementarteile“
Nachrichten Kultur Region Sprengel-Museum zeigt Sammlungschau „Elementarteile“
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01:15 14.04.2019
Prominenter Gast mit Lieblingsbild: Sprengel-Tochter Angela Kriesel vor „Le Village“ (1914) von Fernand Leger – einem der Werke, die Margrit und Bernhard Sprengel 1969 der Stadt Hannover geschenkt haben. Quelle: Foto: Frank Wilde
Hannover

Da hängt Picassos „Katze und Hahn“ direkt neben Max Beckmanns „Badenden“, ein paar Meter weiter prangen „Pferd und Adler“ von Franz Marc und „Der große Gärtner“ von Emil Nolde. Kenner des Sprengel-Museums kennen diese Bilder natürlich aus eigener Ansicht, doch wer das Haus am Maschsee mit Gästen von außerhalb besucht, überrascht sie nicht selten: Die Klassiker der Moderne kennen die meisten, doch dass diese Werke zum Bestand des Sprengel-Museums gehören, löst oftmals Erstaunen aus.

Die Elemente der Kunst

Dieses Erstaunen wird man jetzt wieder erleben können. Denn diese Klassiker der Kunstgeschichte sind - neben 150 weiteren Werken der Moderne von den Anfängen bis zur Gegenwart - in der neuen Kunstschau des Sprengel-Museums zu sehen, die durchaus an die Dimensionen der Kunstschau „130 % Sprengel“ erinnert.

Damit hatte Museumschef Reinhard Spieler 2016 die Fertigstellung des Erweiterungsbaus für eine Sammlungspräsentation im ganzen Haus genutzt. Um eine Sammlungsschau geht es auch diesmal, doch ist die neue Ausstellung auf die Säle des Neubaus begrenzt. Und sie ist völlig anders strukturiert und motiviert. Vor drei Jahren folgte der Ausstellungsparcours einem Zeitstrang, diesmal ist die Enfilade durch die Räume nach den Zutaten der Kunst sortiert, weshalb das Ganze „Elementarteile“ heißt. Die Ausstellungsräume tragen denn auch Titel wie „Farbe“, „Material“ oder „Form“, widmen sich den thematischen Setzungen der Werke, den darin erzählten Geschichten und der zugehörigen (Kunst-)Geschichte, den Debatten um Abbildlichkeit, äußere Realität und innere Erlebniswelten.

Ein Haus in Selbstreflexion

Vor allem aber – und zuallererst in der Ausstellungsabfolge – widmet sich die Schau dem institutionellen Rahmen der Kunstpräsentation am Beispiel des Sprengel-Museums. Da ist zu lesen, dass dort seit 1979 635 Ausstellungen zu sehen waren, dass seit 2009 1,7 Millionen Besucher gezählt wurden, das 60 Prozent davon älter als 50 Jahre sind, da liegen Dokumente zur Gründung des Museums aus. So weitet „Elementarteile“ den Fokus über die Betrachtung von Kunst und Künstlern zu einer Art Museumssoziologie, beleuchtet die Bedingungen des Hauses von seinen Anfängen bis zur Gegenwart. „In Zeiten der Globalisierung“, sagt Spieler, „von weltweiten Migrationsströme und digitaler Transformation müssen Museen sich stärker denn je fragen, welche Rolle sie darin spielen können.“

„Sonnenblumen“ (1926) von Emil Nolde. Quelle: Nolde-Stiftung Seebüll

Ein Nolde – erstmals seit 1967 im Museum

Zwar verfügt das Sprengel-Museum über eine reiche Sammlung an Arbeiten von Emil Nolde, doch dieses Bild ist ein Sonderfall: „Sonnenblumen“ (1926) wird erstmals seit einem halben Jahrhundert in einem Museum präsentiert. Denn das 1950 durch den Nordwestdeutschen Rundfunk beim Künstler direkt erworbene Werk wurde 1979 aus dem NDR-Funkhaus Hamburg gestohlen. Erst 2017 tauchte es wieder auf – bei einer Berliner Witwe, die das mittlerweile auf bis zu 1,2 Millionen Euro taxierte Bild gegen einen „Finderlohn“ von 20.000 Euro zurückerstattete. Im Sprengel-Museum soll es nun, sozusagen quer zur aktuellen Debatte um die NS-Vergangenheit des Künstlers, möglichst lange gezeigt werden. Im nächsten Jahr soll es nach NDR-Angaben in der Kunsthalle Hamburg, danach in der Kunsthalle Kiel und 2022 im Staatlichen Museum Schwerin präsentiert werden. Zuletzt war es 1967 im Kunstmuseum von Nyköbing gezeigt worden. das

Eine Ausstellung der Kunst- und der Selbstreflexion also. Das Haus am Maschsee sei „ein großer Leuchtturm“, sagt bei der Präsentation der Schau Hannovers Kulturdezernentin Konstanze Beckedorf, und Veronika Olbrich vom Kulturministerium lobt, es biete „absolute Highlights“. Die Vertreter von Stadt und Land sind nicht von ungefähr präsent, schließlich ist 2019 für das Museum ein besonderes Jahr: In diesem Frühling ist es genau 50 Jahre her, dass Margrit und Bernhard Sprengel der Stadt Hannover ihre Kunstsammlung geschenkt haben – und noch dazu Geld für den Bau des Museums, das vor genau 40 Jahren eröffnet wurde.

Laufzeit bis 2021

Elementarteile“ ist mithin der Beitrag zum Jubiläumsjahr – und darüber hinaus: Denn diese Ausstellung soll Besucher des Museums bis 2021 dafür entschädigen, dass die Obere Sammlung so lange geschlossen bleiben wird, teils wegen der dortigen Brandschutzsanierung des Altbaus, teils weil die Räume dann wegen der Sanierung im Depot als Kunstlagerstätte genutzt werden sollen.

Eben deshalb geht das Spektrum der von Reinhard Spieler mit der Volontärin Stella Jaeger kuratierten Ausstellung weit über die klassische Moderne hinaus – auch wenn die Schau durch das erstmals seit 1967 gezeigte Nolde-Bild „Sonnenblumen“ ergänzt wird. Neben Malerei von der historischen Avantgarde bis zur Gegenwart ist Skulpturales und Installatives zu sehen, Performance und Medienkunst. Etwa Bruce Naumans Neonlichtinstallation „Slap in the Face“. Das Video „Objects in Mirror might be closer than they appear“ von Julien Charriere und Julius von Bismarck, das eine postapokalyptische Tschernobyl-Welt gespiegelt im Auge eines Hirsches zeigt. Oder auch Hans-Peter Feldmanns Porträtserie „100 Jahre“, deren 101 Fotos in mehreren Zeitblöcken gezeigt werden. Und ein großes Foto zeigt Cate Blanchett – ein Filmstill, der an Julian Rosefeldts spektakuläre Multiscreenshow „Manifesto“ erinnert.

Den Besucher erwartet also eine große Vielfalt an hochkarätiger Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, eine Leistungsschau mit Langlaufqualitäten. Und was erwartet der Museumschef vom Publikum? „Ich wünsche mir Neugier“, sagt Spieler, „und den Mut, die eigenen Fragezeichen ernst zu nehmen – wir werden hier keine Gewissheiten vermitteln, denn wir können nur zu Fragen anstacheln.“ Eine Ausstellung also, die in bestem Sinne fragwürdig ist.

Elementarteile“. Eröffnung am Freitag, 12. April, um 19 Uhr im Sprengel-Museum.

Von Daniel Alexander Schacht

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