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Staatsoper Hannover: Ballettchef Jörg Mannes verabschiedet sich mit „1-2-3…Ein Walzertrauma“

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12:15 19.05.2019
An der schönen, blauben Donau? Jörg Mannes verarbeitet ein Walzertrauma. Quelle: Gert Weigelt
Hannover

Wer durch Wien flaniert, muss gut zu Fuß sein. Zwar verfügt die österreichische Hauptstadt nach Angaben ihres Stadtgartenamts über rund 19 000 Sitzbänke allein in den Parkanlagen, doch freie Plätze sind rar – vor allem im Frühjahr und Sommer, wenn die Stadt vor Touristen überquillt. Zu viele Menschen zelebrieren dann die oft zitierte Wiener Beschaulichkeit im Sitzen. So kann man sehen, aber auch gesehen werden. Residieren und Präsentieren hat in der alten Kaiserstadt schließlich auch eine lange Tradition. Ein Bühnenstück, das sich mit Wien und den Wienern befasst kommt also eigentlich kaum ohne die Parkbank als Requisit aus. In „1-2-3…Ein Walzertrauma“, Jörg Mannes’ ganz persönliche Sicht auf seine Geburtsstadt, spielt sie eine buchstäblich tragende Rolle. Und das ist ganz und gar hinreißend.

Jörg Mannes verabschiedet sich mit „1-2-3... Ein Walzertrauma“

Wien gilt als Hochburg des Walzers. Entstanden aus mittelalterlichen Bauerntänzen und daher noch zu Beginn seines Siegeszuges um 1800 in die höheren Kreise als wild und unmoralisch verschrien, wurde der temporeiche Gesellschaftstanz bald zum Synonym für die Beschwingtheit und Vornehmheit der Donaumetropole. Mit der losen Aneinanderreihung von Szenen rund um Wien und den Walzer verabschiedet sich Mannes nun nach 13 Jahren als Direktor des hannoverschen Staatsballetts. Es ist eine Arbeit, mit der der Österreicher nicht nur seinem Publikum ein hübsches Andenken hinterlässt, sondern mit der er auch seinen Tänzern huldigt. Den besten unter ihnen hat er einzelne Szenen auf den Leib geschrieben: Cássia Lopes erinnert als männermordende Femme Fatale an die Wiener Künstlerin und Muse Alma Mahler-Werfel. Denis Piza und Catherine Franco, das ewige Liebespaar auf der Bühne, finden noch einmal für eine Reihe hochemotionaler und anrührender Duette zusammen. Und Lilit Hakobyan und Giada Zanotti stellen mit ausdrucksstarken Soli ihre herausragende Technik und Präsenz unter Beweis.

Keine Liebeserklärung an Wien

Nur eine kommt bei dieser Choreografie nicht besonders gut weg: Die Stadt selbst. Mannes’ „Walzertrauma“ ist keine nostalgietriefende Liebeserklärung an Wien. Für den Choreografen hat die österreichische Hauptstadt „eine Schauseite, die man als Außenstehender für ihren wahren Charakter hält. Erst bei näherer Betrachtung erkennt man unter der Oberfläche dieser glänzenden Zuckerkruste einen Zustand der Verkommenheit, von Schimmel und Verfall“. Und so dominiert auf der Bühne auch kein farbenprächtiger Kitsch mit einer extra Portion Schlagobers.

Das ist gar nicht so selbstverständlich, wenn zur Musikauswahl der Strauß-Walzer „An der schönen blauen Donau“ gehört. Doch statt sich im Trachtenanzug und Dirndl dazu zu drehen, steigen die Tänzer aus den Niederungen des mit weißen, wogenden Stoffbahnen überdeckten Orchestergrabens auf, nachdem sie in diesen künstlichen Wellen der Donau eine Art Wasserballett mit synchronem Arm- und Beinstrecken vollführt haben. In diesem Fall hat es was für sich, dass die Musik (unter anderem sind auch noch Mundartlieder und Stücke von Max Richter sowie den Neuen Wiener Konzertschrammeln zu hören) vom Band kommt.

Todeswalzer im Marschrhythmus

Auf diese so originelle wie humorvolle Anfangsszene folgen eher schwermütige Minuten – bis es dann zum Schluss wieder amüsant zugeht. Die Tänzer bewegen sich in nachtblauen und schwarzen, mit Volants besetzten Kostümen (Rosa Ana Chanzá). Ab und an blitzt auch ein bisschen Gold auf. Doch Glanz und Gloria sind fern. Stattdessen dominieren in dem „Walzertrauma“ Melancholie, Vergänglichkeit und eine Spur Sarkasmus.

All das zusammen drückt nichts so schön und anschaulich aus wie die Sequenz zum Finale, in der sich Michèle Stéphanie Seydoux und Steffi Waschina um eine der begehrten Parkbänke streiten. Dieser temporeiche Slapstick, der den beiden Tänzerinnen auch einiges an Artistik abverlangt, ist der Höhepunkt dieses Tanzabends. Das Duett der zänkischen Frauen, die sich wie zwei veritable Stummfilmkomiker um einen Sitzplatz balgen und dabei die Bank auch kurzerhand mal wegtragen, endet schließlich damit, dass die eine die andere in die Donau, also den Orchestergraben, schubst. Der österreichische Ausdruck „a Bankl reißen“ wird hier dem norddeutschen Publikum sehr anschaulich übersetzt. Gemeint ist damit tatsächlich das Sterben.

Doch Totgesagte leben bekanntlich länger, und so findet sich das Ensemble zu den Klängen des Radetzky-Marschs noch einmal zu einem letzten Walzer auf der Bühne zusammen, während zwei aus den Stoffbahnen herausragende Hände den Takt vorgeben, in dem das Publikum mitklatscht. Das ist so begeistert, dass es am Ende noch minutenlang – nunmehr stehend – applaudiert.

Nächste Vorstellung ist am 26. Mai von 18.30 Uhr an im Opernhaus.

Von Kerstin Hergt

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