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Region Staatsoper beeindruckt mit „Die Gezeichneten“ von Franz Schreker
Nachrichten Kultur Region Staatsoper beeindruckt mit „Die Gezeichneten“ von Franz Schreker
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14:51 07.04.2019
Mit eindringlichem Sopran: Karine Babajanyan, ganz in Gelb, mit dem Chor hinter Sung-Keun Park und Franziska Abram in der Oper „Die Gezeichneten“. Quelle: Thomas M. Jauk
Hannover

 Die Musik raunt, doch das Bild spricht eine klare Sprache. Aber nur auf den ersten Blick. Im Orchestergraben schillert es zwischen Dur und Moll, auf der Bühne dominieren Schwarz und Weiß. Franz Schrekers Psychodrama „Die Gezeichneten“ steht in der hannoverschen Neuinszenierung in einem energiegeladenen Spannungsfeld. Diese Spannung entlädt sich nach drei Stunden in großer Zustimmung des Premierenpublikums.

Konzentriert und klangvoll

Während Kapellmeister Mark Rohde mit dem konzentriert und klangvoll aufspielenden Niedersächsischen Staatsorchester das zehnminütige Vorspiel vorbildhaft entfaltet, löst sich das Bilderrätsel, das Regisseur Johannes von Matuschka und sein Bühnenbildner Christof Hetzer gestellt haben. Was da auf einer Erdkrümmung liegt, ist ein Mensch. Nein, sind zwei Menschen, ineinander verkeilt. Sie lösen sich, der eine steht auf Krücken, der andere stützt sich auf einen Stock, den man zum Behelfsstuhl formen, aber auch als Waffe nutzen kann. Sie sind die Protagonisten, die Widersacher, die sich ähnlicher sind, als es auf den ersten Blick scheint: der reiche, aber hässliche Alviano und der siegreiche, aber seelisch verkrüppelte Macho Tamare. Beide kämpfen später um Carlotta, die Tochter des Stadtgouverneurs. Zusammen bilden sie ein Trio infernale, ein Trio mortale, auch wenn am Ende nur zwei Beteiligte tot sind.

Krimi und Seelendrama

Was sich Franz Schreker da vor reichlich 100 Jahren als Libretto zurechtgelegt hat, ist Krimi und Seelendrama. Der wohlhabende Alviano hat eine künstliche Insel geschaffen, die Kunstwerk und Luststätte ist. Auf dieses Elysium des Schönen wagt er sich selbst aber nicht, weil er die Harmonie nicht stören will. Und aus Angst, weg- und ausgestoßen zu werden.

Als er beschließt, „Elysium“ dem Volk von Genua zu schenken, kommen seine adligen Freunde in Not, die dort in einem Versteck ihre gewaltsamen Sexorgien feiern. Doch dann verliebt sich Alviano in Carlotta, die eigenwillige und auf den Tod kranke Tochter des Podestà, die auch Malerin ist. Wenn sie im zweiten Akt von einem Gemälde erzählt, in dem eine Hand ein Herz todbringend umklammert, dann schildert sie ihr Schicksal - und gibt Sängerin Karine Babajanyan die Chance, die Eindringlichkeit ihres Soprans vor Ohren zu führen.

Fast ein Kammerspiel

Regisseur Johannes von Matuschka erzählt diese Geschichte fast als Kammerspiel, immer konzentriert auf das Duell Alviano und Tamare. Das ist in seiner szenischen Überschaubarkeit bisweilen karg, wenn etwa Herzog Adorno (kraftvoll: Stefan Adam) herumsteht, als sei er Gurnemanz, der lieber Klingsor singen würde. Andererseits konnte in den Zweikampf mit Krücken und Stock der Gast Jordan Shanahan auch geschickt eingefädelt werden. Der auf Hawaii geborene Sänger sprang für den erkrankten Brian Davis ein und macht als Tamare stimmlich wie spielerisch eine sehr gute Figur.

Als Alviano tritt Robert Künzli an, der hauseigene Fachmann für kunstvoll zerrissene Helden: mit tenoraler Strahlkraft und fahlem Ton, wenn am Ende die geistige Umnachtung ihn umhüllt. Seine Krückenarbeit ist bewundernswert, seine Charakterdarstellung auch: in den Selbsthass verliebt und von der nicht ausgelebten Liebe verzehrt.

Ähnlich intensiv taumelt Karine Babajanyan dem Ende entgegen: vom Trieb und vom Todestrieb befördert. Ihre Carlotta fällt auch farbig aus dem Schwarz-Grau-Weiß heraus und man ist Florence von Gerkan dankbar, dass sie als Kostümbildnerin kein knallrotes, sondern ein gelbes Kleid wählte.

Maßvoll orgiastisch

Es gibt auch viel Volk in Genua. Der hannoversche Opernchor ist prächtig präpariert, die vielen Rollen der Adligen und Ratsherren sind aus dem Ensemble klug besetzt. Bei den diversen Orgienszenen, die hier eher stilisiert vorgeführt werden, mag man sich lieber nicht vorstellen, was ein Calixto Bieito als Blut-und-Hoden-Regisseur da getrieben hätte. Für das maßvoll Orgiastische ist hier die Musik zuständig, die ekstatisch, aber nie schwül ist, die „Star Wars“-Blech kennt und feines Geigengespinst - alles von Dirigent Mark Rohde und dem Staatsorchester ausgezeichnet ausgeleuchtet.

Bei seinem Siegeszug vor 100 Jahren waren „Die Gezeichneten“ schon einmal auch nach Hannover gekommen. Die Nazis haben diese „entartete Musik“ verboten, in Deutschland gab es sie erst vor 40 Jahren wieder zu hören (mit Neuenfels und Gielen in Frankfurt). Jetzt fanden es die Besucher offenbar an der Zeit für ein Wiedersehen und -hören: viel Beifall für alle.

Wieder am 10. April, am 11. Mai und am 18. Juni jeweils um 19 Uhr sowie am 19. Mai um 16 Uhr und am 30. Mai um 18.30 Uhr.

Von Rainer Wagner

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