Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Region Ovationen im Stehen für Marco Goecke und sein Ballettensemble
Nachrichten Kultur Region

Staatstheater Hannover: Ovationen im Stehen für Marco Goecke und sein Ballettensemble

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
14:57 22.09.2019
Wie ein Uhrwerk: Das neue Ballettensemble des Staatstheaters Hannover in einer Szene aus „Prélude“ von Medhi Walerski. Quelle: Andreas J. Etter
Anzeige
Hannover

Der Abend startet gemächlich. In „Prélude“ des französischen Choreografen Medhi Walerski dreht sich förmlich alles um das Thema Zeit. Und das neue Ensemble des Staatsballetts Hannover fungiert hier wie ein Uhrwerk, harmonisch und präzise. Das ist vielleicht gar nicht so selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass die 29 Tänzer und Tänzerinnen erst kurze Zeit zusammenarbeiten.

Mit der dreiteiligen Inszenierung „Beginning“ stellt der neue hannoversche Ballettdirektor Marco Goecke sich und seine Tänzerinnen und Tänzer vor.

Walerskis unaufgeregte, auf das Prinzip der Wiederholung setzende Choreografie zur Musik von Lera Auerbach – schöner Bezug: die russisch-amerikanische Komponistin hat an der hannoverschen Musikhochschule ihr Konzertexamen im Fach Klavier abgelegt – stellt sie jedoch vor eine noch größere Herausforderung: Ruhe an den Tag zu legen. Mit seinem streng geometrischen Bewegungsmuster aus Kreisformationen, Pendelbewegungen und stillen, fast meditativen Augenblicken scheint das Stück die Gruppe auf eine gewisse Weise in Schach zu halten.

Ein gewaltiges Energiefeld

Man spürt als Zuschauer, dass sich da auf der Bühne des nahezu ausverkauften Opernhauses ein gewaltiges Energiefeld befindet und ahnt: Da geht noch mehr. Diese Compagnie will sich beweisen und zeigen, was sie kann. Hannovers neuer Ballettdirektor Marco Goecke gibt ihr mit dem dreiteiligen Ballettabend „Beginning“ zur Eröffnung der Spielzeit die Gelegenheit. Die Vorstellung gehört den Tänzern.

Während sie bei Walerski noch mit angezogener Handbremse agieren müssen, dürfen sie im weiteren Verlauf des Abends richtig loslegen: Mit Andonis Foniadakis und Marco Goecke selbst folgen noch zwei wahre Entfesselungskünstler, die mit ihren Choreografien „Kosmos“ und „Thin Skin“ die Tänzer zu Höchstleistungen antreiben.

Atemberaubendes Tempo

Das 40-minütige „Kosmos“ des gebürtigen Griechen Foniadakis besticht durch sein atemberaubendes Tempo und die detailreiche Körpersprache. Zwar ist es ein Stück für nur zehn Tänzer, doch der schwindelerregende Wechsel zwischen Soli, Duetten und Gruppenformationen erweckt den Eindruck, dass viel mehr Akteure auf der Bühne wirbeln würden. In dunkelblau schimmernden Anzügen springen, rotieren und rollen sie im Takt der pulsierenden Musik von Julien Tarrade über den Boden. Leise Momente sind selten. Und wenn sich doch mal ein Paar oder ein Einzelner der Langsamkeit hingeben will, so hat das etwas von einer geradezu hilflosen Sehnsucht nach Entschleunigung und unterstreicht umso mehr das Motiv großstädtischer Rastlosigkeit, das dieses Stück beherrscht. Faszinierend an „Kosmos“ ist, dass trotz der fiebrigen Unruhe nie Chaos entsteht. Dafür sorgt Foniadakis’ glasklare Bewegungssprache.

Der „Balletterneuerer“ und seine Jugendidole

Wie die ersten beiden in „Beginning“ zu sehenden Arbeiten ist auch Marco Goeckes eigener Beitrag „Thin Skin“ ein älteres Stück. 2015 hat er es für das Nederlands Dans Theater kreiert. Doch diese rund halbstündige Tanzschöpfung ist perfekt, um sich dem hannoverschen Publikum vorzustellen – beinhaltet sie doch alle wesentlichen Aspekte, die Goecke zu einem der erfolgreichsten deutschen Choreografen gemacht haben. Als „Balletterneuerer“ hat ihn das Jahrbuch der Zeitschrift „Tanz“ einmal gewürdigt. Das war im Jahr der Uraufführung von „Thin Skin“.

Die mit Songs von Goeckes Jugendidolen Patti Smith und Keith Jarrett untermalte Choreografie trägt seine unverwechselbare Handschrift, die – geprägt von flatternden Schritten, zuckenden Armen und zitternden Fingerspitzen – ein fantasievolles Geäst aus Linien, Schlaufen und Kurven kreiert. In immer neuen Konstellationen finden die zehn Tänzer auf der Bühne zusammen, mal geben sie sich kraftvoll, mal zerbrechlich. Dabei verlangen ihnen die nuancenreichen Schrittfolgen ein Höchstmaß an Konzentration ab. Und doch sieht alles leichtfüßig aus. Die Oberkörper der Ensemblemitglieder stecken in hauchdünnen, transparenten Longsleeves, die mit Tattoobildern übersät sind. Goecke selbst hat die Kostüme entworfen. Das Licht ist meist düster, Nebel wallt, hier und da lassen die Tänzer ein Streichholz aufflammen. Das alles hat etwas Geisterhaftes. „Thin Skin“ vermittelt Gänsehaut. Die Eindringlichkeit und das atmosphärisch Dichte dieser Choreografie werden noch verstärkt durch das für Goeckes Verhältnisse eher langsame Tempo. Damit schließt sich der Kreis zum Eröffnungsstück.

Das Premierenpublikum war schier hingerissen von „Beginning“ und spendete minutenlang Ovationen im Stehen.

Nächste Vorstellungen von „Beginning“: Am Donnerstag, 26. September und Sonnabend, 28. September, jeweils ab 19.30 Uhr im Opernhaus.

Lesen Sie mehr:

Marco Goecke über seine Arbeit in Hannover

Von Kerstin Hergt

Inszeniertes Ausrasten: Die hannoversche Band Ich Kann Fliegen spielt im Lux in Linden – und lässt dabei auch gleich ein Musikvideo des Auftritts anfertigen. Drei neue Songs präsentieren die Musiker an dem Abend auf der Bühne.

22.09.2019

Seit mehr als vier Jahrzehnten gehört Barbara Kruger zu den wichtigsten Künstlerinnen der USA. Nun erhält sie in Goslar den renommierten Kaiserring – und startet mit einer subversiven Vorstellung.

20.09.2019

Miriam Maertens hat Mukoviszidose – und ist seit dieser Spielzeit Mitglied im Ensemble des Schauspiel Hannovers. Auf der Cumberlandschen Bühne erzählt sie mit ihrer Familie von diesem Doppelleben.

20.09.2019