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Stradivari-Geigen: Das Kuss Quartett spielt Beethoven in Japan und Hannover – auf kostbaren Instrumenten

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00:16 03.06.2019
„Volles Risiko“: Das Kuss Quartett Mitte Mai nach dem ersten Konzert mit den Stradivari-Instrumenten.
„Volles Risiko“: Das Kuss Quartett Mitte Mai nach dem ersten Konzert mit den Stradivari-Instrumenten. Quelle: Oliver Wille
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Eigentlich macht man sich über die Bratsche lustig. Nicht nur Geiger und Cellisten, die schließlich ernst zu nehmende Instrumente spielen, machen traditionell gern Witze über ihre Kollegen, die sich ein Leben lang mit Mittelstimmen plagen müssen. Aber hier ist es etwas anderes: William Coleman, dem Bratscher des Kuss Quartetts, ist derzeit viel Aufmerksamkeit gewiss. Schließlich spielt er in den kommenden Wochen auf einem Instrument, das Musikgeschichte geschrieben hat. Nicht nur, dass seine Viola von Antonio Stradivari gebaut wurde und dem Teufelsgeiger Niccoló Paganini gehörte – ihr Klang hat auch den Komponisten Hector Berlioz zu einem der wenigen wichtigen Solowerke für Bratsche angeregt, der Sinfonie „Harold en Italie“.

Paganinis Stradivari-Quartett

Das kostbare Instrument gehört der japanischen Nippon Music Foundation und ist der berühmteste (und teuerste) Teil einer legendären Instrumentengruppe: Die Bratsche gehört zum Paganini-Quartett, das von zwei Geigen und einem Cello komplettiert wird – alle von Stradivari gebaut und einst geschlossen im Besitz von Paganini. Die Stiftung verfügt über die weltweit größte Sammlung von kostbaren Streichinstrumenten – dazu gehören unter anderem noch die Stradivari, die nach ihrem einstigen Besitzer Joseph Joachim benannt wurde, eine Guarneri, die Eugene Ysaye und Isaac Stern gespielt haben, und das ehemalige Cello von Emanuel Feuermann.

Die Einmal-im-Leben-Gelegenheit

Der Satz der Quartett-Instrumente wurde fast zwei Jahrzehnte lang vom Tokyo String Quartet gespielt. Nach dessen Auflösung 2013 kam das deutsche Hagen Quartett in den Genuss der Stradivaris, danach spielte das Quartetto di Cremona darauf. Nun sind die Instrumente in den Händen des Kuss Quartetts um den hannoverschen Geiger Oliver Wille. Der bezeichnet die Leihgabe der außergewöhnlichen Instrumente als eine „Einmal-im-Leben-Gelegenheit“ – und die nutzt das Quartett für ein besonderes Projekt.

Am Sonntag, 2. Juni, startet das Quartett in der Suntory Hall in Tokio, dem berühmtesten Konzertsaal Japans, einen fünfteiligen Konzertzyklus mit sämtlichen Streichquartetten von Ludwig van Beethoven. Zugleich werden die Werke bei den Konzerten in Japan für eine CD-Gesamteinspielung mitgeschnitten. Es ist das erste Mal, dass die Beethoven-Quartette in einem Zeitraum von nur gut zwei Wochen live aufgenommen werden. Immer mit dabei: die ungewohnten Luxus-Instrumente von Stradivari.

„Scary“, sagt der britische Bratscher William Coleman dazu – er scheint die unheimliche Herausforderung aber sehr gern anzunehmen. Erscheinen sollen die Aufnahmen im Frühjahr kommenden Jahres beim schottischen Label Rubicon Classics.

Volles Risiko für eine Diva

Besonders viel Vorbereitungszeit mit den neuen Instrumenten hatten die Musiker nicht: Gerade einmal zwei Wochen vorher konnten die Musiker die vier Stradivaris jeweils einzeln bei der Stiftung in Japan abholen. „Wir gehen volles Risiko“, sagt Wille, der Professor an der Musikhochschule Hannover und zusammen mit seiner Kollegin Antje Weithaas der neue künstlerische Leiter des Joseph Joachim Violinwettbewerbs ist. Seine Stradivari von 1680 sei verglichen mit seinem eigenen Instrument „eine kleine Diva“: „Man muss beim Spielen viel hineingeben“, sagt er, „bekommt dann aber mehr zurück, als man denkt“.

Nach den Konzerten und Aufnahmen in Japan wird das Kuss Quartett die Instrumente wieder an die Stiftung zurückgeben. Die Beethoven-Quartette aber begleiten die Musiker weiterhin: In der kommenden Saison werden sie den vollständigen Zyklus auch im Programm von Kammermusik Hannover aufführen.

Die neue Saison von Kammermusik Hannover

Die Kammermusikgemeinde Hannover wurde vor 90 Jahren gegründet und hat bisher fast 1000 Konzerte veranstaltet – das wird in der kommenden Saison unter anderem mit einem Zyklus aller Beethoven-Quartette mit dem Kuss Quartett gefeiert. Am Jubiläumswochenende am 19. und 20 Oktober stehen dabei gleich zehn Quartette in drei Konzerten auf dem Programm – außerdem ist die deutsche Erstaufführung der „Beethoveniana“ von Bruno Mantovani zu hören. Weitere Konzerte der Beethoven-Reihe sind am 18. März 2020 und – als szenische Aufführung mit der Gruppe Nico and the Navigators – am 22. Juni 2020.

Am 21. Februar 2020 spielt Klarinettistin Sharon Kam mit dem Cellisten Christian Poltéra, Geigerin Liza Ferschtman und Pianist Enrico Pace unter anderem Messiaens „Quartett auf das Ende der Zeit“ in der Orangerie. Am 29. Mai sind sämtliche Streichquartette von Arnold Schönberg mit dem Quatuor Diotima und Sopranistin Sarah Maria Sun zu hören. In der Jungen Reihe tritt am 12. Oktober Timothy Chooi auf, der Sieger des jüngsten Joachim Violinwettbewerbs. Am 27. und 28. Januar 2020 gibt es ein Schubert-Liederfest mit Studierenden der Hochschule.

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Von Stefan Arndt