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Stradivari des Nordens: Vor 300 Jahren starb der Orgelbauer Arp Schnitger

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18:22 16.07.2019
Alles eine Frage des Geldes: Harald Vogel an der Schnitger-Orgel in Ganderkesee. Quelle: Stefan Arndt
Hannover

Es war ein sehr billiges Sonderangebot – das macht die Orgel in der Kirche von Ganderkesee heute zu einem der kostbarsten Instrumenten, die es gibt. Es gehört zu den wenigen weitgehend erhaltenen Orgeln von Arp Schnitger, der ein Stradivari der Tasteninstrumente war und vor 300 Jahren gestorben ist. Am 28. Juli 1719 wurde er in Hamburg-Neuenfelde begraben – sein genaues Todesdatum ist nicht bekannt.

Ein folgenreicher Nebenjob

Als sich Schnitger im April 1699 bereit erklärte, für Ganderkesee ein Instrument zu besonders günstigen Konditionen zu bauen, hatte er ohnehin in der Gegend zu tun. Im nahe gelegenen Bremen war er beim Bau der Orgeln für den Dom und Stephanikirche mit zwei Großaufträgen beschäftigt und nutzte nun einige freie Tage, um aus vorproduzierten Teilen, die seiner Werkstatt auf Vorrat lagen, und den verwendbaren Elementen der alten Orgel in Ganderkesee ein einfaches neues Instrument zu konstruieren.

 

Am 17. Oktober 1699, kaum ein halbes Jahr nach der Auftragserteilung, war die Orgel fertig. Kurz zuvor schnitzte der Orgelbauer noch seinen Namen auf den Prospekt rechts neben dem Spieltisch: In goldenen Lettern fällt er so bis heute jedem ins Auge, der vor der Orgel steht. Es ist das einzige Instrument dieser Epoche mit einem so sichtbaren Markennamen – Schnitger hatte das zur Bedingung für einen weiteren Preisnachlass gemacht.

Die St.-Cyprian- und Corneliuskirche in Ganderkesee. Quelle: Stefan Arndt

Export bis nach Brasilien

Sein Name geriet in der Folge trotzdem in Vergessenheit. Der berühmteste Orgelbauer der Barockzeit, dessen Instrumente nicht nur die Gottesdienste in den reichen norddeutschen Hansestädten orchestrierten, sondern auch in Moskau, in England und Portugal und sogar im brasilianischen Mariana erklangen, war zu Beginn des 20. Jahrhundert kaum noch bekannt. Das umfangreiche Riemann-Musiklexikon widmete ihm 1912 gerade einmal vier Zeilen.

Wo immer man es sich leisten konnte, hatte man die alten Instrumente da längst durch neue, dem Zeitgeschmack entsprechende Orgeln ersetzt. Schnitger sei eben immer eine Frage des Geldes gewesen, sagt der Organist und Orgelforscher Harald Vogel: „Das Geld musste zur richtigen Zeit da sein, damit man sich eine Orgel von ihm leisten konnte. Und es musste zur richtigen Zeit fehlen, damit sie später nicht umgebaut wurde.“

Mit Orgelpfeifen in den Krieg

Vor allem in vielen anderen kleineren Orten in Norddeutschland wie Ganderkesee war das der Fall. 45 der ursprünglich mehr als 300 Schnitger-Orgeln haben sich so bis 1914 erhalten. Dann kam der Erste Weltkrieg und forderte auch von der Kirchenmusik seinen Tribut: Allerorten wurden die Prospektpfeifen von Orgeln konfisziert und eingeschmolzen, um das nun knappe Zinn zur Waffenherstellung zu verwenden.

Die Orgel von Ganderkesee allerdings erwies sich als nicht wehrtauglich: Weil das Instrument so billig wie möglich sein sollte, wurden auch die sichtbaren vorderen Pfeifen aus günstigem Blei gefertigt und nur zur Zierde mit einer dünnen Zinnschicht überzogen. So kommt es, dass sie bis heute in der Kirche erklingen. Das weiß man inzwischen wieder sehr zu schätzen.

Der neue Klang

Die Schnitger-Renaissance, die nicht nur wegen des Todestags vor 300 Jahren gerade einen Höhepunkt erreicht, verlief in mehreren Wellen. Nach dem Ersten Weltkrieg entdeckte man die fast untergegangene Klangwelt seiner Instrumente wieder: Auch in der Orgelszene suchte man den Neuanfang in einer abstrakten, modernen Ästhetik – und wurde dabei in der fernen Vergangenheit fündig. „Man wollte klare Farben, Transparenz und strukturelle Klänge“, sagt Harald Vogel: „All das gab es bei Schnitger.“

Die Registerzüge der Orgel in Ganderkesee haben heute ein dekor aus dem 18. Jahrhundert. Quelle: Stefan Arndt

Prominenter Fürsprecher dieser ersten Welle war der Schriftsteller (und Orgelbauer) Hans Henny Jahnn, der Schnitger 1925 mit einer viel beachteten Orgeltagung wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit brachte. In den Fünzigerjahren sorgte eine von der Deutschen Grammophon weltweit vermarktete Gesamtaufnahme des Bachschen Orgelwerks mit Helmut Walcha an der Schnitger-Orgel in Cappel für einen zusätzlichen Schub, der die norddeutschen Dorfkirchen bis heute zu Pilgerstätten für musikbegeisterte japanische Touristen macht.

„Das ist Originalklang“

Eine entscheidende Rolle nehmen die historischen Instrumente in der Alte-Musik-Bewegung ein, die die klassische Musik seit Mitte des 20. Jahrhunderts revolutioniert hat. Die Wiederentdeckung von historischer Aufführungspraxis hat die Interpretation fast sämtlicher Werke des Repertoires verändert und neue instrumentale Maßstäbe gesetzt.

Doch der Erfolg der Spielweise hat sie inzwischen oft auch schon wieder verwässert, findet Thomas Albert, Alte-Musik-Experte und Intendant des Musikfestes Bremen. Um das zu korrigieren, ermuntert er Musiker, mit Schnitger-Orgeln zusammenzuspielen. „Das ist Originalklang“, sagt er und drückt auf eine Taste der Schnitger-Orgel im Grasberg einem kleinen Dorf bei Worpswede. Auch dieses Instrument hat den Lauf der Jahrhunderte vergleichsweise unbeschadet überstanden – und prominente Spieler gehabt.

Hier spielt Händel

Ursprünglich hat das Instrument im Hamburger Waisenhaus gestanden und war dort anders als die Orgeln in den Kirchen auch anderen Musikern als dem jeweiligen Kantor zugänglich. Bach und Händel haben nachweislich regelmäßig an diesem Instrument gespielt. Das verleiht ihm eine besondere Aura.

 

Wichtig ist Thomas Albert aber vor allem der Klangfarbenästhetik der Orgel, die schon die Orgelreformer der Zwanzigerjahre begeistert hat: Starke Farben und Kontraste, die klare Strukturen hörbar machen können und für Transparenz sorgen. In diesem alten Klangideal, glaubt Albert, liegt die Zukunft der Musik. Darum gibt es innerhalb seines Musikfestes bereits seit 10 Jahren eine Konzertreihe an Schnitger-Orgeln. Das ist Albert sogar so wichtig, dass er dafür regelmäßig Grenzen überschreitet: In Bremen selbst ist nämlich keine Schnitger-Orgel erhalten.

Konzerte an Schnitger-Orgeln

Beim Musikfest Bremen gibt es vom 25. August bis zum 2. September zehn Konzerte an Schnitger-Orgeln unter anderem in dessen Begräbniskirche in Hamburg-Neuenfelde, in Groningen, Grasberg und Ganderkesee. Die Niedersächsischen Musiktage widmen dem Orgelbauer am 21. September ein Konzert in Norden, die hannoversche Villa Seligmann am 21. November.

 

Von Stefan Arndt

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