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Region Joachim Witt und Adrian Hates auf ihrer „Refugium Klassik Tour“
Nachrichten Kultur Region Joachim Witt und Adrian Hates auf ihrer „Refugium Klassik Tour“
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00:16 04.05.2019
Große Geste, große Worte: Joachim Witt im Theater am Aegi. Quelle: Villegas
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Hannover

„Es tut mir leid, dass das alles so traurig ist“, sagt Joachim Witt nach dem Lied „Wintermärz“, irgendwo in der Mitte seines Sets und ruckelt sein Mikro auf der Bühne des Theater am Aegi zurecht. Dann lächelt er schelmisch in seinen Bart und das Orchester steigt in das noch traurigere „Eisenherz“ ein.

Bilder de Konzerts

Eine Show von Joachim Witt ist eine Gratwanderung: Da sind die todtraurig gemeinten Songs, die das Orchesterarrangement der aktuellen „Refugium Klassik Tour“ nicht weniger traurig macht. Und dann ist da der launische Humor des 70jährigen Witt, der im Gehrock und mit weißem Rauschebart über die Bühne läuft, das Publikum in Hannover mit „Ich bin immer wieder gerne in Solingen“ begrüßt und über Bartpflege spricht.

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Emotional aufgewühlt

Für die „Refugium Klassik Tour“ hat Witt sich eine kleine Orchesterbesetzung mitgebracht und außerdem als Gastsänger Adrian Hates, den Frontmann der Elektro- und Dark-Wave-Band Diary of Dreams. Tatsächlich, so zeigt sich im Theater am Aegi, haben sich da zwei gefunden. Im ersten Teil des Konzertes singt ausschließlich Witt, dessen tiefe Stimme immer wieder versucht, in die opernhaften Refrains seiner Songs emporzusteigen, manchmal mittendrin aufgibt, es aber meistens schafft. Den zweiten Teil bestreitet größtenteils Adrian Hates, der sich irgendwo zwischen romantischem Tenor und Bariton durch die reichlich vorhandenen Streicher näselt, mit denen die Diary-of-Dreams-Songs wie „Traumtänzer“ überpudert sind. Beide wedeln während ihrer Sets gerne dirigentenhaft und emotional aufgewühlt in Richtung Orchester, das sich davon allerdings nicht beeindrucken lässt.

Auch textlich sind da große Ähnlichkeiten: Witt ist zwar etwas teutonischer unterwegs und Hates singt einige Lieder auf Englisch. Bei beiden kommt der Mond oft vor, Eis, Herzen, Winter und Blut sind genrekonform beliebte Motive bei Songs, die oft von so großem Schmerz und Verlust handeln. Bei Hates in der zweiten Hälfte scheint allerdings das Orchester der Philharmonie Leipzig ein wenig mehr aufzuwachen als bei Witt, so dass noch einmal mehr Druck und kleinere Raffinessen, vor allem in den Geigen und der Querflötenstimme, dazukommen.

Streicher voller Pathos

Sowieso: Was der Text sowohl von Witt als auch von Hates manchmal nur äußerst holpernd leistet, leisten die Orchesterarrangements spielend. Diese stammen vom Keyboarder des Abends Conrad Oleak, der als Komponist nicht nur zahlreiche Filmmusiken geschrieben hat und im Rahmen von „Gothic meets Klassik“ im Gewandhaus Leipzig seit Jahren Orchesterarrangements für Stars der Schwarzen Szene. Da sägen die Streicher voller Pathos, da tröpfeln die die Bläser glänzend, manchmal getragen, manchmal mit Druck, aber immer mit sicherer Hand komponiert – und einen fünfsaitigen Kontrabass wie den, den Julia Pfänder mit auf die Bühne gebracht hat sieht man ja auch nicht alle Tage.

Kitschig ist das zwar immer – die schwarze Szene liebt den Kitsch ihrer dunklen Romantik – allerdings bleiben Gesang und Text leider oft hinter der musikalischen Untermalung zurück. Auch wenn Witt mit „Goldener Reiter“ noch ein wenig herausholen kann und das Duett zwischen Witt und Hates bei „Die Flut“ neben faszinierend verschwurbeltem Arrangement auch gesanglich einiges zu bieten hat.

Gute zwei Stunden spielen die beiden insgesamt. Unter Jubel und Standing Ovations des Publikums im etwas mehr als halb gefüllten Theater Am Aegi beendet Joachim Witt mit seinem eigenartigen Humor das Doppelkonzert: „Wieder bin ich nicht geflogen“ heißt der letzte Song. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Von Jan Fischer