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12:55 14.04.2019
Große Stimme, große Gesten: Ute Lemper im Theater am Aegi. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Sie ist die fesche Lola. Natürlich, aber nicht gleich. Erst fragt Ute Lemper in der Rolle der Marlene Dietrich und in drei Sprachen natürlich, wo die Blumen sind. Und sagt, danach könne man eigentlich nichts mehr singen. Aber das geht natürlich nicht, immerhin dauert dieses „Rendezvous mit Marlene“ fast drei Stunden. Das ist geringfügig kürzer als das Telefonat, auf das dieser bemerkenswerte Liederabend zurückgeht. 1988 rief der alternde Film- und Showstar Marlene Dietrich bei der blutjungen Ute Lemper an, um sich für eine Postkarte zu bedanken. Dann erzählte sie ihr gut drei Stunden aus ihrem Leben.

Das war offenbar der Monolog einer einsamen Frau, die ihrem Mythos nachlebte, die trank und träumte, sich erinnerte und noch immer scharfzüngig urteilte: eine Weitgereiste im selbstgewählten Exil in Paris.

Ein Meer an Melancholie

Ute Lemper hat daraus und aus vielen überlieferten Zitaten und Zeugnissen einen faszinierenden Bühnenabend gemacht: einen Gang durch die deutsche Zeit- und die internationale Showbühnengeschichte: eine deutsche Divendämmerung.

Ute Lemper trifft Marlene Dietrichs Erzählton verblüffend genau, ohne der Parodie zu verfallen, das leise Näselnde, das ganz verhaltene Lispeln, die Abgeklärtheit, die ein Meer an Melancholie verdeckt. Und sie singt, tanzt und kokettiert. Sie beschwört den schönen Gigolo, bestellt nachts an der Bar „One for my Baby and one more for the Road“. Sie weiß, dass die Antwort ganz allein der Wind weiß.

Begleitet von einer kompetenten, aber unauffälligen Vierer-Combo schreitet und tänzelt sie den Lebensweg dieses deutschen Weltstar entlang, der an den Nazis litt und an jenen Deutsche, die nach 1945 die vermeintliche Vaterlandsverräterin schmähten. Es brauche schon viel Champagner, zitiert die Lemper die Dietrich, das herunter zu schlucken. Marlene hat es tapfer versucht.

Ganz ihr Ding

Was Ute Lemper alles kann, das weiß man: vom schlichten Song bis zum Scatgesang reicht die Stimmstärke. Hier stellt sie sie ganz in den Dienst der Sache, reflektiert im Chanson und in der Showgeste die große Marlene. Das Publikum im fast ausverkauften Theater am Aegi folgt dem gespannt, ist auch an den leisen Stellen ganz still. Jeder Song ist eingebunden in den Liebesreigen Marlene Dietrichs, die mit preußischer Disziplin und polyglotter und polygamer Attitüde pflückte, was da links und rechts am Wege stand - und lag.

Das ist Ute Lempers Show, ganz ihr Ding und doch selbstlos. Einen kleinen Kalauer hat sie auch eingepackt, wenn sie mit der Marlene-Aussage, sie wolle in Berlin begraben sein, den „Koffer in Berlin“ besingt, das englische Wortspiel dazu ist der „Coffin“, der Sarg, in dem sie zurückkehren wolle. Und keinen Tag früher.

Natürlich darf die „fesche Lola“ nicht fehlen und da hat Ute Lemper nicht nur die Pose drauf, sondern auch eine Lebensparallele zu bieten. 1992 spielte sie Marlene Dietrichs Hauptrolle in der grandios misslungenen Peter-Zadek-Produktion in Berlin, die von der Kritik verrissen wurde. Auch Ute Lemper wurde vielerorts mit Häme übergossen. Wenn auch nicht in dieser Zeitung, dort war zu lesen: „Ihr zuzuhören, macht Freude.“

Die Schmähkritik hat damals Ute Lemper ziemlich gekränkt, doch davon ist hier und jetzt nichts mehr zu hören. Schließlich ist sie mit dem großen Vorbild Marlene „von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“.

Ganz zum Schluss bedankt sich Ute Lemper für die Ovation im Stehen mit einem Hit von Burt Bacharach, der Marlenes langjähriger Arrangeur und Bandleader war: „What the World needs now“. Es ist Liebe. Was für ein Wort zum anstehenden Sonntag.

Von Rainer Wagner

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