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Region Theater an der Glocksee macht den Tod zum Thema
Nachrichten Kultur Region Theater an der Glocksee macht den Tod zum Thema
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01:15 03.04.2019
Schon eingesargt – Szene aus „Freund Hain“. Quelle: Foto: Jonas Vietzke
Hannover

Der Tod hat Hochkonjunktur, nicht nur an den Krisenherden der Welt. Auch auf Hannovers freien Bühnen zeigt er Präsenz: Nur wenige Tage nach dem Theater Erlebnis in der Nordstadt zeigt auch das Theater an der Glocksee eine Stückentwicklung über das Sterben. Abgesprochen haben sich die Theatermacher dabei nicht. Das Thema scheint vielmehr mit Macht alternative künstlerische Blicke einzufordern. „Freund Hain“ ist Milena Fischer-Hartmanns erste Regiearbeit, seit sie im Theater an der Glocksee Mitglied des Leitungsteams geworden ist. Sie nimmt dem Blick auf den Tod darin die Schwere, ohne Ernsthaftigkeit und Substanz aus dem Blick zu verlieren.

So kippt das Stück schnell aus einer verkrampften Trauerfeier in ein anarchisches Hinterfragen von Traditionen. Uwe Dreysel, Lena Kußmann, Helga Lauenstein und Jonas Vietzke spielen mit großer Lust an Albernheit und Absurdität, mit Offenheit für Experimente, aber auch mit unverhohlener Neugier auf die Dinge hinter den Dingen. Die Vielschichtigkeit des Themas zu reduzieren, kommt für sie nicht in Frage – also muss eine Methode her, aus vielen Stunden Material Episoden auszuwählen. Eine Lostrommel und flugs verteilte Bingozettel mit Symbolen lösen das Problem.

25 Szenen hat das Ensemble vorbereitet, für etwa zehn davon bleibt Zeit. Also ist jede Vorstellung anders, Dramaturgie findet vor allem in den gezeigten Miniaturen statt, Bezüge ergeben sich dazwischen – aus Aspekten von Popkultur, Kulturgeschichte, Naturwissenschaft, Philosophie, Bürokratie oder Esoterik. Wie bei jeder Lostrommel enthält auch diese nicht nur Hauptgewinne, nicht jede Szene ist von gleicher Bedeutung. Manches bleibt amüsante Fußnote, kurioser Exkurs oder abgründige Spinnerei. Die Mischung macht hier das Theater. Und die ist auch für die Akteure unberechenbar.

Sie spielen bei der Premiere Parodien und Paraphrasen, wie eine irre Schattenpantomime zu Aeneas‘ Reise durch die Unterwelt oder eine launige Minimalversion von Michael Jacksons „Triller“-Video. Sie philosophieren frei über das Nichts, lassen Sterberituale aus unterschiedlichen Kulturen aufeinanderprallen, sinnieren über medizinische Perspektiven auf Unsterblichkeit und referieren obskure Details zu deutschen Bestattungsnormen. Wer hätte schon gewusst, dass Bremen das einzige Bundesland ist, in dem eine Urne zuhause auf dem Kaminsims stehen darf?

Mitten in der kurzweiligen Materialsammlung ergibt sich Tiefe dann auf den zweiten Blick. Ein Erinnerungsritual für die tote Großmutter bezieht das gesamte Publikum mit ein, das in verteilten Rollen Eukalyptusbonbons lutscht, Haarspray versprüht, Multivitamintabletten und Kreuzworträtsel auflöst, Kartoffeln schält und Kaffee brüht. „Der Omaaufguss“ verdichtet sich zum intimen Happening, zur berührenden Beschwörung, zum gemeinsamen Totenfest. Die Perspektiven bleiben nachhaltig verschoben.

Weiter Aufführungen am 3., 5., 6., 13., 19., 24., 26. und 27. April jeweils um 20 Uhr.

Von Thomas Kaestle

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