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Theater in Containern: "Schreiben Sie bitte einen Verriss"

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13:30 25.05.2019
Gymnastik auf dem Goseriedeplatz: Das Theater Fensterzurstadt zeigt „Leergut! Vollgut!“ Quelle: Isabel Winarsch
Hannover

„Sind Sie Kritiker?“ Die junge Dame mit der schicken Wuschelfrisur muss gesehen haben, wie ich während der Vorstellung etwas in mein Notizbüchlein schrieb. Jetzt steht sie aufgebracht vor mir und sagt, nachdem ich auf ihre Frage mit „Ja“ geantwortet habe: „Dann schreiben Sie bitte einen richtigen Verriss.“

„Normalerweise schreibe ich keine Gefälligkeitskritiken, aber in diesem Fall will ich mal nicht so sein“, hätte ich sagen sollen, aber so etwas fällt einem natürlich immer zu spät ein. Ich sage nur, dass ich solche eine Bitte in mehr als 30 Jahren Berufspraxis bisher noch nicht vernommen hätte. Die junge Dame spricht über Lebenszeit, die sie bei dieser Vorstellung verschwendet hätte. Ich lächle milde.

Aber natürlich hat sie Recht. In „Leergut! Vollgut!“, das die freie hannoversche Theatergruppe Fensterzurstadt jetzt in einem kleinen Containerdorf auf dem Goseriedeplatz zeigt, geht tatsächlich eine Menge Lebenszeit verloren – vor allem für Besucher, die nicht bereit sind, dem Theater das Maß von Nähe und Vertrauen entgegenzubringen, das hier gefordert wird.

Die Überfülle an allem

Dieses Theaterprojekt hat mehr mit Therapie als mit Kunst zu tun. Im Zentrum steht ein bekanntes Problem: die Überfülle an allem. Die vielen Kabel, die in irgendwelchen Schubladen herumliegen, all die Dinge, die man so mit sich herumschleppt. Dazu gibt es ein paar Monologe (unter anderem eine langatmige Fantasiereise), eine Tanzperformance auf dem Goseriedeplatz (die sehr nach Gymnastik aussieht) und eine Art Theatertheraphie in verschiedenen Containern.

In einem Container ist Wüste. Sand liegt am Boden, die Wände sind mit Packpapier ausgekleidet. Die Zuschauergruppe steht dort fast zehn Minuten herum, ohne dass ein Schauspieler auftreten würde. Jeder Besucher hört sphärische Klänge aus Kopfhörern. Manche haben die Augen geschlossen, manche schauen gelangweilt. Keiner guckt aufs Handy – die mussten zuvor abgegeben werden.

Lachen im Wasserbad

In einem anderen Container haben die Akteure eine Art Wasserwelt installiert. Die Zuschauer stehen auf einem Steg. Unter ihnen ist die Wasserfläche, in der sich ein Bild spiegelt. Wieder sphärische Musik aus den Kopfhörer. Wieder keine Schauspieler, wieder keine Worte. Die Besucher sind in der Betrachtung der Spiegelung versunken – da schießt plötzlich ein Wasserstrahl aus einem Schlauch, der oben am Bild befestigt ist. Wellen kräuseln die Wasseroberfläche. Die Spiegelung ist hin. Das Bild hat gespuckt. Oha. Ein bärtiger Mann in der Mitte der Zuschauergruppe muss lachen. Ich lache auch. Die anderen stehen weiter regungslos im Halbdunkel, lauschen den Meditationsklängen aus den Kopfhörern und blicken still aufs Wasser. Der Bärtige, der mit dem Lachen angefangen hat, prustet wieder los. Ich auch. Wir können es einfach nicht unterdrücken. Die anderen tun so, als ob nichts wäre. Wir aber fangen immer wieder an zu kichern und zu gniggeln. Wie Schuljungen. Ich lache, dass mir die Tränen übers Gesicht laufen. Selten habe ich im Theater so etwas Komisches erlebt. Selten habe ich mich im Theater so jung gefühlt. Vielleicht war das ja der Sinn der Therapie? Wahrscheinlich war es unfreiwillig komisch, aber eben doch komisch.

Die Grundfrage der Theaterleute ist ja interessant: Wovon habe ich zu viel? Wovon zu wenig? Darüber nachzudenken ist sicher gut. Und auch die Idee, die Zuschauer in einen Erfahrungsraum zu entführen, ist nicht schlecht. Problematisch ist es allerdings, wenn sich das Theater zur Therapie aufschwingt. Wobei: Die Lachtherapie im Wasserbad, die hatte schon was.

Wie hat das Theater Fensterzurstadt das Containerprojekt vorbereitet? Hier der Bericht.

Weitere Spieltermine: 29. und 31. Mai, sowie am 1., 5., 7., 8., 12., 14. und 15. Juni jeweils 19 Uhr auf dem Goseriedeplatz

Von Ronald Meyer-Arlt

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