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Theaterformen: Berührende Produktionen von Marco Canale, Mohammad Al Altar, Omar Abusaad, Bissen Al Charif und Junaid Sarieddeen

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00:16 26.06.2019
„Die Geschwindigkeit des Lichts“ in der Ägidienkirche. Quelle: Andreas Etter

„Die Geschwindigkeit des Lichts“

Nur zuschauen reicht nicht. In der Produktion „Die Geschwindigkeit des Lichts“, die der argentinische Theatermacher Marco Canale für die Theaterformen entwickelt hat, müssen die Zuschauer Texte vorlesen, Lieder mitsingen, Topfpflanzen durch die Stadt tragen und U-Bahn fahren. Wobei in der U-Bahn einiges zusammenkommt: Jeder Zuschauer hält eine Topfpflanze in der Hand und wird zum Mitsingen angehalten. Als die Gruppe aussteigt, applaudieren die Mitreisenden.

Am Ende, nach knapp dreieinhalb Stunden, applaudieren auch die Blumenträger – und zwar heftig. Die sitzen mittlerweile auf einer Tribüne, die in die Ruine der Ägidienkirche eingebaut wurde, die Blumen befinden sich vor ihnen auf der Bühne. Dort stehen auch die Darsteller, von denen einige die Besucher zuvor in ihre Privatwohnungen eingeladen hatten.

In den Wohnungen wurden den Besuchern Zetteln mit Geschichten, Szenen, Fragmenten ausgehändigt, die sie dann vorlesen mussten. Danach wurde gemeinsam gesungen. Die Geschichten sind scharf fokussierte Momentaufnahmen, biografische Schnipsel, Erlebnisse aus dem Leben der Mitspieler.

Eine Szene aus „Die Geschwindigkeit des Lichts“. Quelle: Andreas Etter

Marco Canale hat Geschichten von Menschen aus Hannover – die meisten von ihnen Senioren –gesammelt und sie zu einer großen Oper zusammengefügt, die unter Mithilfe von etwa 100 Akteuren in der Ägidienkirche aufgeführt wurde. Natürlich spielen Krieg und Flucht eine große Rolle, aber es geht auch um Depressionen und Fußball (was ja in Hannover recht nah beieinander liegt).

Die Auseinandersetzung mit den Vätern, die im Krieg schuldig geworden sind, nimmt einen großen Raum ein – es zeigt sich, dass in Hannover viele Menschen an Kriegsfolgen leiden, wobei es nicht nur um den Zweiten Weltkrieg, sondern auch um den Krieg in Syrien geht.

Regisseur Marco Canale arbeitet viel mit Musik und ein wenig auch mit den Mitteln des Volkstheaters, manchmal hat die Aufführung auch etwas von Kirchentag. Und manchmal fehlt am Ende der Mut zur Konzentration, der bei den Szenen in den Privatwohnungen noch stark zu spüren war. Im Ganzen aber ist „Die Geschwindigkeit des Lichts“ eine bewundernswerte Organisationsleistung und ein schönes Beispiel dafür, wie Theater die Menschen dazu bewegen kann, sich zu öffnen – die Darsteller für die Zuschauer, aber auch umgekehrt.

Aleppo. A Portrait auf Absence“

Die Erfahrungen der anderen stehen im Zentrum des ersten Festivalwochenendes. Nicht nur Senioren aus Hannover berichten aus ihrem Leben. Im Pavillon haben die Autoren und Theatermacher Mohammad Al Altar, Omar Abusaada und Bissen Al Charif Schreibtische mit Leselampen aufgestellt. An ihnen erzählen Darsteller Geschichten aus der syrischen Stadt Aleppo. Das Verrückte daran: Für jeden einzelnen Zuschauer steht jeweils ein Akteur zur Verfügung, um eine der Geschichten aus Aleppo zu erzählen. Das partizipative, jeden Besucher einbindende Theater, dem sich Festivalchefin Martine Dennewald mit dieser Ausgabe besonders widmet, ist auch ein verschwenderisches Theater.

Aleppo. A Portrait of Absence“ ist eine Sammlung von Geschichten von Gebäuden, die im Krieg zerstört wurden und von den Menschen, die in diesen Häusern gewohnt oder gearbeitet haben. Am Ende werden die Zuschauer aufgefordert, demjenigen, dessen Geschichte sie gerade gehört haben, einen Gruß ins Aufnahmegerät zu sprechen. Schwierig. Was soll man Menschen sagen, die erlebt haben, wie ihre Stadt, ihr Viertel, ihr Haus zerstört wurde? Und wie soll man sich bei dem Akteur bedanken, der einem am Tisch sitzend die Geschichte aus der sterbenden Stadt eindringlich und mit leiser Stimme vorgetragen hat und am Ende einfach aufsteht und einen mit dem Aufnahmegerät zurücklässt? Für Applaus, der verdient gewesen wäre, gibt es keine Gelegenheit. Die Zuschauer erheben sich schweigend und verlassen den Theatersaal.

Aleppo. A Portrait of Absence“ war schon eine besondere Erfahrung, aber das Theater kann einem bei dieser Ausgabe der Theaterformen sogar noch näher kommen.

„Untitled“

Auf der Bühne im Ballhof 2 erzählen sechs Männer von ihrer Haft in syrischen Gefängnissen. Eigentlich sollten sieben Männer in Hannover auf der Bühne stehen, einer aber hat kein Visum gekommen; Junaid Sarieddeen, einer der Regisseure des Projekts, steht für ihn auf der Bühne und spricht seinen Text.

Schlafen im Gefängnis: Das Gesicht des einen an den Schienbeinen des anderen. Quelle: Andreas Etter

Das ist das einzige Rollenspiel an diesem Abend. Ansonsten hat man es mit der Wirklichkeit zu tun. Die Männer berichten von ihrem Leben. Die meisten von ihnen haben mehr als zehn Jahre im Gefängnis verbracht. Einer sagt „Mein Leben war steckengeblieben“. Ein anderer sagt, dass er sich nach seiner Entlassung gewundert habe, wie die Welt sich verändert hat: überall Handys und alles voll mit Autos, die es damals nicht gab. Die Männer berichten nicht nur von ihren Erfahrungen, sie zeigen auch wie es im Gefängnis war. Zum Beispiel, wie sie auf dem Boden geschlafen haben: das Gesicht des einen an den Schienbeinen des anderen. Einige der Männer sind schon so alt, dass ihnen die Demonstration sichtlich Mühe bereitet. Sie zeigen es uns trotzdem. Es ist wichtig, dass wir das wissen.

Die Männer wissen, dass das Erzählen Erfahrungen nur unzureichend wiedergeben kann. „Keiner wird fühlen können, was wir gefühlt haben“, sagt einer. Diese Erkenntnis, dass manche Erfahrungen nicht durch Worte zu vermitteln sind, spiegelt sich auch im Titel der Produktion. Sie hat keinen. Das Stück der Zoukak Theatre Company aus Beirut hießt schlicht „Untitled“.

Das dokumentarische Theater der Männer ist tief berührend. Am Ende applaudieren die Zuschauer im Stehen. Das Theater hat eine ganz besondere Begegnung ermöglicht. Noch eine von vielen ganz besonderen Begegnungen.

Theater und Gratiskonzerte

Das Festival Theaterformen ist noch bis 30. Juni an neun verschiedenen Spielorten in Hannover zu sehen. Insgesamt 250 Künstler aus zwölf Ländern präsentieren 14 Produktionen. Die Karten kosten von 9 bis 28 Euro. Im Innenhof des Schauspielhauses befindet sich das Festivalzentrum, auf dessen Bühne gibt es regelmäßig Konzerte bei freiem Eintritt. Am Montag tritt dort um 21.30 Uhr Derya Yildirim mit der Gruppe Şimşek auf. Am Dienstag ist dort die Sängerin Rabea mit Band zu Gast.

Von Ronald Meyer-Arlt

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