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Region Herr Tukur, wie soll man sich an Sie erinnern?
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Ulrich Tukur tritt mit seinen Rhythmus Boys Anfang Dezember in Hannover auf. Im Interview erzählt er, warum er immer mit dem Bleistift schreibt und dass er früher gern im „Leine Domizil“ war.

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22:37 26.11.2019
Immer ausdrucksvoll: Der Schauspieler, Musiker und Autor Ulrich Tukur . Quelle: dpa
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Herr Tukur, Sie sind in Großburgwedel einige Jahre zur Schule gegangen. Was verbinden Sie noch mit Ihrer alten Heimat?

Wir sind 1973 aus Hessen nach Bissendorf gezogen, mein Vater war Ingenieur und hat für den Stromerzeuger Preußen Elektra gearbeitet. Das war die tolle Zeit nach der Pubertät. An den Wochenenden bin ich oft nach Hannover gefahren und war viel im „Leine Domizil“ und anderen Jazz Clubs. Dann gab es da noch eine sehr angesagte Diskothek mit Namen „Bella Wuppdich“.

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Das „Bella Wuppdich“ gab es bis vor einiger Zeit immer noch. Das war zuletzt ein Techno-Club.

Ach wirklich? Das war damals ein Hippie-Club mit psychedelischen Farbprojektionen an den Wänden. Wir trugen lange Haare, Plateauschuhe und hörten Led Zeppelin.

Sie sind Schauspieler, Musiker und Autor. Als was würden Sie sich selbst bezeichnen?

Zuallererst würde ich sagen: Musiker. Das ist das, was mir immer am meisten Freude gemacht hat. Das Schreiben ist eine relativ neue Disziplin, die insofern spannend ist, als dass man eben nicht Werke anderer Menschen reproduziert, sondern eine ganz eigene Welt erschafft. Das führt einen auf sehr interessante Art und Weise zu sich selbst.

Ihr neues Buch, „Der Ursprung der Welt“, haben Sie auf nostalgische Art verfasst: Ihre Ideen haben Sie mit Bleistift in kleine Hefte geschrieben. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?

Die Gedanken, die geistigen Ströme müssen über den Arm und durch die Hand direkt aufs Papier fließen, da darf dann höchstens noch ein Bleistift dazwischen sein. Alles andere ist nicht natürlich und deshalb toxisch. Das ist eine Obsession von mir. Ich könnte zum Beispiel auch nicht mit Kugelschreiber schreiben. Ich laufe mit meiner Kladde herum, und wenn mir etwas einfällt, kommt es sofort aufs Papier. Mit Bleistift. Am Abend bringe ich das Ganze am Rechner in eine übersichtliche Form. Diese Übertragung ist ein wichtiger Schritt. Ich bin ja nicht ganz aus der Zeit gefallen.

Sie befassen sich gerne mit den Goldenen Zwanzigern. Was fasziniert Sie an dieser Epoche?

Es gibt Epochen, die kulturell hoch fliegen. Die Zwanzigerjahre gehören ohne Frage dazu. In den dreizehn Jahren, die die erste deutsche Demokratie nur dauerte, ist in Kunst, Kultur und Wissenschaft mehr entstanden als in all den vielen Jahrzehnten danach. Aber für die Menschen damals war es auch nur eine bedrängende Wirklichkeit und nicht die goldene Zeit, die wir uns vorstellen.

In die Zwanzigerjahre fällt auch die Geburtsstunde des Swing. Wie sind Sie mit dieser Stilrichtung in Berührung gekommen?

Ziemlich früh. Ich habe zu meiner Konfirmation von einer Tante eine Plattensammlung geschenkt bekommen. Mit englischer und deutscher Tanzmusik. Darunter war aber auch eine Schallplatte von Fats Waller, einem großartigen schwarzen Jazzpianisten. Das hat mich völlig elektrisiert. Ich hatte damals klassischen Klavierunterricht und habe versucht mir die entsprechenden Noten zu besorgen. Für mich ist Jazz das Großartigste, Lebendigste und Originellste, was es in der Musik gibt. Dazu gehört natürlich auch der Swing als seine eleganteste Spielart.

Gemeinsam mit den Rhythmus Boys treten Sie am 4. Dezember in Hannover auf. Was kann das Publikum von dem Programm „Grüß’ mir den Mond!“ erwarten?

Es ist das letzte Mal, dass wir dieses Programm spielen. Eine Mischung aus Konzert, Varieté, Poesie und hanebüchenem Blödsinn. Wir rollen die Geschichte des Swing neu auf. Ich plaudere dabei aus dem Nähkästchen meiner persönlichen Erinnerungen an Cole Porter, Irving Berlin, Louis Armstrong und vielen anderen Granden des Jazz.

Das letzte Album „Let´s Misbehave!“ erschien 2015. Ist ein neues Album geplant?

Mal sehen. Wir spielen mit dem Gedanken, das Beste aus dem Mond-Programm zu nehmen, ein paar neue Titel hinzuzufügen und das Ganze dann aufzunehmen. Schallplatten sind heute leider nur noch eine flankierende Maßnahme für Konzerte.

Im kommenden Jahr feiern Sie und Ihre Rhythmus Boys 25-jähriges Jubiläum. Wie lange wird das noch weitergehen?

Wir machen ja glücklicherweise eine Musik, die auch noch mit 80 würdevoll über die Rampe kommt. Unser neues Programm wird „Liebe, Jazz und Übermut“ heißen. Wir machen erstmal weiter, bis der Erste umfällt und dann sehen wir mal, wer es ist und ob wir den noch ersetzen wollen. Vielleicht bin ich es ja!

Als wer würden Sie dann gerne in Erinnerung bleiben?

Als einer, der es geschafft hat, Menschen zu verzaubern und ihnen ein bisschen Heiterkeit zu vermitteln in diesem schwierigen Leben. Mehr nicht.

Zur Person

Ulrich Tukur, geboren 1957, aufgewachsen in der Wedemark, ist einer der renommiertesten Theater- und Filmschauspieler in Deutschland. Auch als Autor ist er erfolgreich. Im Fischer Verlag ist in diesem Herbst sein Roman „Der Ursprung der Welt“ erschienen. Am 4. Dezember tritt er zusammen mit seiner Gruppe, den Rhythmus Boys, im Theater am Aegi auf. Das Programm „Grüß mir den Mond!“ verspricht eine Reise durch die Nacht und „vom Mittelpunkt zum Kontrapunkt der Musik“. Karten gibt es an den HAZ-Ticketshops.

Von Amelie Apel

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