Uraufführung im Ballhof: Thomas Köck hat „Antigone“ rekomponiert
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Uraufführung im Ballhof: Thomas Köck hat „Antigone“ rekomponiert

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11:29 27.10.2019
Wem gehören die Toten? Der Chor mit Bürgern der Stadt diskutiert.
Wem gehören die Toten? Der Chor mit Bürgern der Stadt diskutiert. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Damit Teiresias sehen kann, muss er blind sein. Er sieht die Zukunft; also ist das, was die Gegenwart zeigt, eher störend. Der blinde Seher Teiresias warnt König Kreon in Sophokles Drama „Antigone“, aber es ist vergebens; dem blinden Seher glaubt man nicht.

Blinde Personen spielen auch in „Antigone. Ein Requiem“ mit, das Thomas Köck als Auftragsarbeit für das Schauspiel Hannover geschrieben hat. Zu Beginn liest eine blinde Frau den Prolog, den Thomas Köck für seine Fassung von Sophokles Tragödie geschrieben hat. Eine Kamera ist dabei auf ihre Finger gerichtet, die die Zeilen der Brailleschrift ertasten. Sie liest: „Dieser Text ist keine Überschreibung. Es ist kein Durchstreichen des Archaischen im Dienste der Aktualisierung. Es ist kein Überschreiben der Tragödie im Dienste der Psychologisierung. Dieser Text ist eine Rekomposition.“

Wellen an einem Strand

Thomas Köck, einer der hoffnungsvollsten jungen Autoren ist (gleich zweimal hat er den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen), hat eine Geschichte entwickelt, die der „Antigone“ des Sophokles ähnelt, aber doch anders ist. Bei Köck geht es nicht um die eine Leiche des Polyneikes, deren Beisetzung Antigone so wichtig ist, dass sie sich dem Verbot des Königs widersetzt, sondern um viele, viele Leichen, die die Flut des Mittelmeers an den Strand gespült hat. Regisseurin Marie Bues lässt anfangs nur ein paar Videobilder von Wellen an einem Strand einspielen, sofort stellt sich das Bild des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi ein.

Antigone (Alrun Hofert). Quelle: Katrin Ribbe

Um viele, viele Leichen von Menschen, die auf der Flucht waren, geht es hier, Kreon hat verboten, dass sie beerdigt werden, Antigone hat sie, damit sie beerdigt werden können, in die Stadt gebracht. Es geht um die Ordnung, um die Macht der Gesetze auf der einen, um Humanität auf der anderen Seite.

Was hält uns zusammen?

Köcks Text ist sehr kunstvoll, durchaus packend, zuweilen witzig. Im Ballhof wird das Stück auf zwei aufgeklappten Buchseiten gespielt, über dem Buch hängt wie eine gleißende Sonne ein Cluster von orangeroten Bistrostühlen. Solche Bistrostühle werden von Antigone (Alrun Hofert) auch auf die Bühne gewuchtet, als sie die Leichen in die Stadt bringt. Ab und zu werden die Stühle auch als Sitzgelegenheiten gebraucht, eine Zeit lang diskutiert man auch im Stuhlkreis. Warum auch nicht? Es gibt ja Wichtiges zu besprechen: Welche Gültigkeit sollen unsere Gesetze haben? Wie sieht es mit unserer Verantwortung den Toten gegenüber aus? Was hält uns zusammen? Was hält die Welt aus?

Dem Chor, der aus Bürgern der Stadt (es sind Menschen mit und ohne Behinderung) besteht, kommt hier eine wichtige Rolle zu. Das heißt aber auch, dass Worte hier wichtiger sind als Taten. In dieser rekomponierten Tragödie wird mehr geredet als gespielt. Der packende Laienchor (geführt von Stefan Kolosko), einige gute Ideen von Regisseurin Marie Bues und nicht zuletzt auch die Bedeutung der verhandelten Fragen sorgen dafür, dass das nicht wie ein Mangel wirkt.

Weitere Vorstellungen am 3., 18. und 23. November im Ballhof.

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