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Region Leidenschaft fürs Büchermachen: Gerhard Steidl wird 70
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Verleger Gerhard Steidl feiert in Göttingen seinen 70. Geburtstag

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17:03 20.11.2020
Büchermachen ist ein Handwerk, das Akkuratesse verlangt: Gerhard Steidl im weißen Kittel, seiner Arbeitskleidung.
Büchermachen ist ein Handwerk, das Akkuratesse verlangt: Gerhard Steidl im weißen Kittel, seiner Arbeitskleidung. Quelle: Swen Pförtner/dpa
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Göttingen

 US-Westküste, Bangladesch, Japan: Seit Jahren jettet der Göttinger Verleger Gerhard Steidl um die Welt, um Fotokünstler zu treffen und neue Projekte zu entwickeln. Nun hält die Corona-Krise den besessenen Büchermacher am Boden, zwingt ihn aber keineswegs zur Untätigkeit. „Wir haben von April bis Juli etwa 80 Bücher fertiggemacht und mehr verkauft als im Weihnachtsgeschäft“, erzählt der Druckermeister im weißen Kittel in der Bibliothek seines Verlagshauses Steidl. Mit „Ischgl“ von Lois Hechenblaikner gelang gerade ein Coup – die in 26 Jahren entstandenen Bilder zeigen Massentourismus und den Après-Ski-Wahnsinn, der das österreichische Bergdorf zum Corona-Hotspot machte.

Buchpaket für Barack Obama

So ein Buch könne nur Steidl realisieren, sagt Hechenblaikner. „Er erinnert mich immer an einen Adler: die Schärfe seines Blicks, seine präzise Vorgehensweise, sein untrügliches Gespür.“ Mit schon mehreren Zehntausend verkauften Exemplaren ist „Ischgl“ ein Bestseller. 2021 soll eine englischsprachige Ausgabe folgen. Eigentlich sind alle Steidl-Fotobücher für den internationalen Markt bestimmt, es gibt Sammler weltweit. Selbst für die Bibliothek des Weißen Hauses lieferte Steidl gegen Ende der Amtszeit von Barack Obama ein Buchpaket.

Am 22. November wird Gerhard Steidl 70 Jahre alt. Weil das ein Sonntag ist, wird er wohl erst um 7 Uhr und nicht wie wochentags um 5 Uhr an den Druckmaschinen stehen. Steidl lebt für die Kunst, über sein Privatleben spricht er nicht. Darin ähnelt er Karl Lagerfeld, der wohl eine Art Seelenverwandter war. „Natürlich vermisse ich ihn sehr, weil wir jeden Tag zusammengearbeitet haben“, sagt der Verleger. Nach den Absprachen zu Werbung oder Katalogen für Chanel sei es stets um Filme, Literatur und Fotografie gegangen. Ihn und Lagerfeld habe nicht nur die Liebe zum Papier und zum Drucken, sondern auch der gleiche Geschmack verbunden: „Ich liebe Gedichte von Rilke, da bin ich süchtig nach.“ Beim Kennenlernen Anfang der Neunzigerjahre hätten sie diese gemeinsame Leidenschaft bemerkt. Lagerfeld starb im Februar 2019 im Alter von 85 Jahren.

Seelenverwandtschaft: Gerhard Steidl (links) zusammen mit Karl Lagerfeld. Quelle: Lucas Dolega/EPA/dpa

„Karl Lagerfeld. Fotografie“ heißt eine noch gemeinsam konzipierte Ausstellung in der Moritzburg in Halle. Steidl geht zum Regal der Bibliothek und zieht ein Buch mit dem Foto einer Katze heraus. Das Blau ihrer Augen spiegelt sich im edlen blauen Leineneinband wider. „Choupette by Karl Lagerfeld“ heißt das letzte Buch des Designers.

Günter Grass wünschte sich einen Koch

Aus der Küche neben der Bibliothek duftet es nach Gemüsesuppe. Vor 20 Jahren hat der Verlagschef einen Koch für seine Gäste und sich eingestellt. „Vorher hatte ich es gehasst wie die Pest, wenn jemand mittags zum Essen gegangen ist und mir hier bei der Arbeit fehlte“, erzählt der Vegetarier. „Es ist ja ganz schön bei dir, wir können toll Bücher machen, aber man verhungert“, habe Günter Grass (1927–2015) ihm dann einmal gesagt und den Tipp gegeben, einen Koch zu engagieren. Im Oktober hat Steidl eine komplette Günter-Grass-Werkausgabe herausgebracht.

Von Joseph Beuys hat der Verleger gelernt, abends einen Besen zu nehmen. Beim Fegen der Arbeitsräume komme man unheimlich gut runter, meint er. Seine „dienende Rolle“ in der Arbeit mit Autoren und Künstlern sei eines von Steidls Erfolgsgeheimnissen, sagt der Plakatkünstler Klaus Staeck, Weggefährte seit 1970.

Verlagsgründer mit 18 Jahren

Steidl machte mit 17 Jahren in seiner Heimatstadt Göttingen Abitur, als 18-Jähriger gründete er den Verlag. Studiert hat er nie. In diesem Jahr erhielt er einen Sony World Photography Award für herausragende Leistungen für Fotografie – als erster Nicht-Fotograf überhaupt. Zudem wurde er mit dem Mainzer Gutenberg-Preis ausgezeichnet. „Über diese Preise freue ich mich sehr“, sagt Gerhard Steidl. „Sie bestätigen ein bisschen, dass man auch eine kulturelle Arbeit leistet. Das Buch war nicht immer als Kulturgegenstand so hoch angesehen.“

Von Christina Sticht