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Region „Woodstock – das Rockmusical“ begeistert das Publikum in Hannover
Nachrichten Kultur Region „Woodstock – das Rockmusical“ begeistert das Publikum in Hannover
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01:15 08.04.2019
Festivalfeier - und Selbstfeier: „Woodstock - das Rockmusical“ im Theater am Aegi. Quelle: Foto: Michael Wallmüller
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Hannover

Vogelgezwitscher. Aufnahmen einer grünen Agrarlandschaft im Hintergrund der Bühne. Auf der Bühne ein paar Instrumente und ein Eisengestänge. Überall hängen bunte Tücher. Die Mitglieder des Ensembles von „Woodstock – das Rockmusical“ lösen sich aus dem in den Saal des Theater am Aegi einströmenden Publikum, machen es sich auf der Bühne bequem und reichen ein paar verdächtig dicke selbst gedrehte Zigaretten herum. Jemand nimmt eine Gitarre zur Hand. Richie Havens’ „Freedom“ erklingt.

Bunt und bewegend: Thater im Aegi wird zu Woodstock

Man kann die Geschichte des Woodstock-Festivals auf zwei Arten erzählen. Man kann sie erzählen als Geschichte eines Festivals, auf dem eine Jugendkultur der Welt mit großer Strahlkraft gezeigt hat, wie gut alles, woran sie glaubte, einst funktionierte. Man kann sie erzählen als die Geschichte zweier Wall-Street-Investoren, die eine günstige Gelegenheit sahen und es irgendwie schafften, ein desaströs nachlässig organisiertes Festival neu zu verpacken und einer Jugendbewegung als ihren eigenen Kernmythos zurückzuverkaufen.

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Musik und Zeitgeschichte

Woodstock – das Rockmusical“ bietet die erste Geschichte. „Heute Abend“, verkündet Laurens ten Den, der Regisseur des Musicals, der auf der Bühne als Moderator und leicht verpeilter Lichttechniker fungiert, „drehen wir die Zeit um 50 Jahre zurück.“ Das löst Jubel beim Publikum aus, und tatsächlich gibt die Show sich große Mühe, den Blick über die Musik der Live-Band hinaus zu erweitern und das Festival in seinen zeitgeschichtlichen Kontext einzubetten. Bilder aus der Dokumentation zum Festival werden an die Leinwand projiziert, dazu gibt es ein wenig Martin Luther King, Fotos von Demonstrationen, Bilder aus dem Vietnam-Krieg. Gleichzeitig verteilt Laurens ten Den Decken und Plastikplanen ans Publikum, um ein bisschen Festival-Feeling in die roten Plüschsessel des Theater am Aegi zu bringen.

Die achtköpfige Live-Band schafft dabei Erstaunliches, allen voran der Sänger Martin van der Starre mit seiner Joe-Cocker-Interpretation. Muriel te Loos’ Verkörperung von Janis Joplin und vor allem ihre Grace Slick stehen dem in nichts nach. Thomas Meewis’ Pete Townshend schafft zwar die hohen Töne von „Pinball Wizard“ nicht ganz, ist aber ansonsten ein fantastisch wirbelnder Derwisch in Fransenweste. Das Publikum kennt nach The Who kein Halten mehr – und darf dann auch zu drei Songs von Creedence Clearwater Revival auf der Bühne und mit Band und Ensemble tanzen.

Charmantes Konzept

Drei Stunden lang präsentiert „Woodstock – das Rockmusical“ das Festival im Jahr seines 50. Jubiläums als eine Welt aus Friede, Freude, Marihuana statt Eierkuchen und außerdem ein wenig Yoga dazu. Damit reproduziert es den hinlänglich bekannten Selbstbild-Mythos einer Generation, die sich im Theater am Aegi auch selbst beklatscht. „

Interessanterweise ist „Woodstock – das Rockmusical“ weniger Reenactment des Festivals als vielmehr des einflussreichen (und oft wegen seiner verklärenden Subjektivität kritisierten) Dokumentarfilms zum Festival, bei dem das Publikum im Theater am Aegi mit „No rain!“-Rufen auch bereitwillig mitspielt. Das allerdings bringt die niederländische Truppe charmant und musikalisch durchdacht rüber – sodass abgesehen von dem verklärenden Blick auf die Hippie-Bewegung doch ein wenig Spaß mit rüberkommt.

Von Jan Fischer