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Region Henning Hartmann leitet die „Schauspielschule XXL“
Nachrichten Kultur Region Henning Hartmann leitet die „Schauspielschule XXL“
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00:18 05.05.2019
Henning Hartmann hinter dem Schauspielhaus, dessen Ensemblemitglieder auch in seiner „Schauspielschule XXL“ mitwirken. Quelle: Ronald Meyer-Arlt
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Hannover

Wer als Schauspieler Erfolg haben will, braucht „Facetime“. Er muss die Kollegen ins Abseits spielen, ihnen die Pointen klauen und sie durch falsche Stichworte irritieren. Denn Theater ist Krieg. Nur der Stärkste kann gewinnen. Wie man stark wird, das zeigt die „Schauspielschule XXL“ – ein YouTube-Projekt von Henning Hartmann, der seit zehn Jahren zum Ensemble des Schauspiels Hannover gehört (und das Haus zum Ende der Spielzeit verlassen wird).

Unter dem Motto „Damit Du schon spielst, während die anderen noch auftreten“ verrät er in zehn Folgen dem Schauspielnachwuchs, was man auf der Bühne unbedingt zu meiden hat – etwa den „Bielefelder Bogen“, bei dem alle Akteure langweilig im Halbkreis stehen – und wie man sich in den Vordergrund spielt – durch „Extrahieren“ und „Absorbieren“, aber auch durch schlimme Tricks wie Wegdrängen, Abschatten oder den Einsatz des „Klopfers“ oder „Patschers“.

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Das Filmprojekt ist böse, witzig und sehr gut gemacht. Auf Facebook, wo die „Schauspielschule XXL“ eifrig geteilt wird, haben schon einige Theaterangehörige die Ironie der Sache übersehen und sich mächtig über mangelnde Solidarität der Mimen („Theater ist doch Miteinander“) aufgeregt.

Zuerst war die „Schauspielschule XXL“, die in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Hannover entstanden ist, als Beitrag zum „Burn“-Festival gedacht, mit dem sich das Ensemble aus der Intendanz von Lars-Ole Walburg vom Publikum verabschieden will. Da die Sache in dem großen Theaterfestival (vom 27. Mai bis zum 15. Juni) etwas untergehen würde, und jede Folge auch ein bisschen Zeit braucht, um sich zu entfalten, wurde die Schauspielschule bereits zehn Wochen vor dem Finale gestartet.

Heraus aus dem Theater-Abseits

Jeden Montag um 12 Uhr wird eine neue Folge freigeschaltet und auf Facebook gepostet. Bisherige Themen waren unter anderem: Wie man sich aus dem Theater-Abseits befreit, wie man aus Gruppenszenen ausschert, wie man geschickt die Performance der Kollegen sabotiert, und was man tun kann, wenn einem partout keine vernünftige Haltung einfallen will („Safety-Gesten für den Bühnennotfall“). Immer ging es darum, sich selbst in den Vordergrund zu spielen und die Kollegen nach hinten zu drängen. Gespannt warten die Gemeinde der Follower auf weitere Folgen, in denen dann wohl auch das Geheimnis des sagenumwobenen „Klaußner-Ecks“ gelüftet werden wird.

Der schwärmende Dramaturg

Die „Schauspielschule XXL“ ist nicht das erste YouTube-Projekt von Henning Hartmann. Nachdem er vor fünf Jahren in Christian Tschirners Stück „Die römische Octavia“ einen Dramaturgen spielte, entwickelte er zusammen mit Regisseur Nick Hartnagel das „Tagebuch eines Dramaturgen“, in dem er einige Folgen lang mit Cordsakko und Hornbrille fiebrig vom Theater schwärmte. Das waren witzige Szenen einer wunderbar überdrehten Theaterliebe. Die „Schauspielschule XXL“ ( für die er wieder mit Regisseur Nick Hartnagel zusammenarbeitet und für die Camill Jammal wieder die Musik komponiert) ist glatter und böser.

Henning Hartmann persifliert Eitelkeit und Karrierismus im Theaterbetrieb auf sehr intelligente, sehr unterhaltsame Art. Und ihm gelingt etwas, was Intendanten und Dramaturgen in Podiumsdiskussionen oft fordern: das Theater hinaus in die Welt zu tragen und ein anders, jüngeres Publikum zu erreichen.

Schade, dass er in der Intendanz von Sonja Anders, die in der kommenden Spielzeit beginnt, nicht mehr zum Ensemble des Schauspiels Hannover gehören wird. Er will sich verstärkt Film und Fernsehen widmen. Dem Schauspiel bleibt er aber immerhin auf eine besondere Weise verbunden: Er wird weiter Schauspielstudenten an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover unterrichten. Das aber ganz unironisch.

Von Ronald Meyer-Arlt